Donnerstag, 18. Mai 2023

Es ist Zeit für eine neue China-Politik

Kai Strittmaier plädiert in der Süddeutschen Zeitung für eine klare Kante gegenüber China – und lobt zwei Frauen, die zeigen, wie es gehen kann – Ursula von der Leyen und Annalena Baerbock

Es wird ungemütlich

China steigt auf – während der Westen absteigt. Bisher glaubte man an Wandel durch Handel: Es reichte, Geschäfte zu machen und das Geld zu zählen, was, so predigte man es uns, die Welt von selbst in eine bessere verwandeln würde. Das zeigte sich in den letzten Wochen: Finanzminister Lindner wird aus- und dann wieder eingeladen, innenpolitisch gibt es immer mehr Druck auf Menschen und Investoren, gleichzeitig darf die chinesische Firma Cosco im Hamburger Hafen einsteigen.

Von der Leyen und Baerbock geben die Richtung vor

Bei der Diskussion um eine China-Strategie haben zwei Frauen Pflöcke eingeschlagen: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Außenministerin Annalena Baerbock
Von der Leyen fordert Riskominderung – De-risking: Wir sind von China weit abhängiger, als wir es von Russland je waren. Diese Abhängigkeit gilt es in strategischen Feldern zu verringern. Baerbock argumentierte bei ihrem China-Besuch ähnlich

Unsinnige schrille Reaktionen

Die Reaktionen waren schrill, von Anti-China-Strategie bis hin zu den verbalen Engleistungen des Alleserklärers Richard David Precht. Die klaren Worte sind wahlweise ein kultureller Affront, kontraproduktiv oder gefährlich.
Das ist Unsinn betont der Autor: Chinesische Politiker sind selbst nicht zimperlich, außerdem spricht eine gewisse Härte für Prinzipientreue. Die Außenpolitik Chinas ist opportunistisch, seine Führer sind knallharte Interessenpolitiker. Sie wollen noch etwas von uns. So wie wir etwas von ihnen wollen.

Xi will den Systemwettbewerb

Die Argumente gegen die beiden erfolgt nach dem Trick Strohmann.-Keule: Man ignoriert das eigentliche Argument (Wir brauchen Risikominderung). Erfindet eine Forderung, die keiner je gestellt hat (Entkoppelung!). Widerlegt sodann die erfundene Forderung (Desaster!). Und feiert seinen Sieg über den Pappkameraden. Auch hier lohnt ein Blick auf China, das schon längst einen eigenen De-risking-Plan hat. Mit dem „doppelten Kreislauf“ soll die Abhängigkeit reduziert werden. Für den Systemwettbewerb sorgte Xi, der im Westen den Rivalen und Feind zu sehen. Durch XI triumphiert in China wieder Politik über Wirtschaft

Europa braucht strategische Autonomie

Im Hinblick auf eine mögliche Wiederwahl Trumps benötigt Europa auch eine strategische Autonomie gegenüber den USA, auch wenn sie im Wettbewerb der Systeme klar im selben Lager stehen, dem der Demokratien. Anders als von Macron behauptet wäre ein Taiwan-Krieg auch unsere Krise, allein aufgrund der Abhängigkeit von Chips und der Straße von Taiwan – einer wichtigen Route für den Welthandel.

Menschenrechtspolitik ist nicht naiv

Jahrzehntelang hat der Westen weggeschaut: egal ob Tschetschenien, Georgien oder anderswo: Wir zogen es vor, die Zeichen nicht zu sehen. Zu spät erkennen wir, dass wir erpressbar geworden sind durch autoritäre Regime. Im Gegensatz zur angeblich nüchternen Realpolitik ist auch Menschenrechtspolitik Interessenpolitik. Wir dürfen sie nicht Ruhe lassen, weil die uns nicht in Ruhe lassen – sie nehmen zunehmend Einfluss. Baerbock hat recht, wenn sie ihren chinesischen Kollegen darauf verweist, dass die von der chinesischen Propaganda sogenannten westlichen Werte tatsächlich die von den Vereinten Nationen anerkannten „universellen Werte“ sind.

Gemütlich im Gestern eingerichtet

Für den Autor ist es kein Zufall, dass die Verteidiger Chinas auch für mehr Verständnis für Russland werben. Richard David Precht wünscht sich den ausgezeichneten Außenminister Frank-Walter Steinmeier zurück, dabei hat sich Steinmeier selbst distanziert. „Manche drehen sich eben doch mit der Welt. Andere haben es sich im Gestern gemütlich eingerichtet.“


Freitag, 5. Mai 2023

Warum Menschen aufbrechen - Globale Migration im 21. Jahrhundert

Es war ein weiterer exzellenter Vortrag der Reihe VHS Wissen. Thomas Faist referierte über das Thema „Warum Menschen aufbrechen“ Er kritisierte, dass Europa auf der Stelle tritt. Von den irregulär Eingereisten haben nur wenig Chance auf einen Schutzstatus, können aber auch nicht in ihre Heimatländer zurückgeführt werden.
Seinen Vortrag baute er auf drei Thesen auf.

These 1: Exit ist rationales Verhalten angesichts globaler sozialer Ungleichheit

Zunächst erläuterte er unterschiedliche Gründe für Exit, also Abwanderung. Der wichtigste Grund ist, dass das Leben im eigenen Land als gefährlich wahrgenommen wird
Das Wohnland bzw. die Staatsangehörigkeit ist damit ein entscheidender Faktor für Migration. Ein weiterer Faktor ist die Ungleichheit, die zwischen Nord und Süd in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat.

Motive für Migration

Verschiedene Theorien nennen weitere Motive: Optimierung des Einkommens oder Familienzusammenführung, meistens sind es mehrere Gründe, die sich im Laufe der Zeit auch ändern können. Wichtig ist, dass rechtliche Kategorien wie Arbeitsmigrant oder Flüchtling wenig über Treiber und Motive aussagen.

Kein Zeitalter der Migration

Der Referent betonte, dass trotz der hohen Flüchtlingszahlen nicht von einem „Zeitalter der Migration“ gesprochen werden kann.
Bei einem großen Teil der Fluchtbewegungen handelt es sich um Binnenflüchtlinge und auch bei den ca. 280 Millionen grenzüberschreitender Migration ist der Anteil innerhalb der weniger entwickelten Länder groß. 3,6 % der Weltbevölkerung sind Migranten, diese Zahl war auch im 19. Jahrhundert nicht höher. Das Potential ist höher als die realisierte Migration, neben Loyalität zu Familie oder Nation ist dies Armut, die „gefangenen Bevölkerungsgruppen“, die sich den Aufbruch nicht leisten können. Die Armut ist als kein wichtiger Treiber!

These 2: Wir leben in einer Gesellschaft mit Migrationshintergrund

Bundespräsident Steinmeier stellte fest, dass Deutschland ein Land mit Migrationshintergrund geworden ist.
Innerhalb Deutschlands beschreibt Faist ein Spannungsverhältnis zwischen offener bzw. restriktiver Immigrationspolitik und einem Fokus auf Wohlfahrtsstaat oder Rechtsstaat. Dadurch kommt es zu ungewöhnlichen Koalitionen: Während Unternehmensverbände und politisch Liberale für mehr Immigration plädieren, sind Teile der Gewerkschaften in Sorge um die soziale Sicherung gemeinsam mit Befürwortern nationaler Homogenität eher gegen Migration.


These 3: Faire Migration zum Vorteil vieler Beteiligter ist möglich


Eindringlich fordert der Referent, Migration nicht nur als Problem, sondern auch als Lösung anzusehen. Er betont, dass die restriktiven Maßnahmen nur unsicheren Routen und vielen Opfern führen und außerdem den Rechtspopulismus begünstigen. „Nicht vermeintliche Fluchtursachen bekämpfen, sondern legale Migrationspfade ausweiten“
Weiter fordert er:
Faire Migration: Für die Mobilität müssen gerechte Bedingungen gelten, so sollten die Herkunftsländer für ihren „brain drain“ entschädigt werden. Außerdem sollte kollektive Rücküberweisungen in die Herkunftsländer unterstützt werden.
 

Viele Unsicherheiten

Beim Ausblick wies er auf viele Unsicherheiten fest, die vor allem mit dem Klimawandel verbunden sind. Die Zahl der Klimaflüchtlinge könnte zunehmen, alarmistische Szenarien gehen von bis zu einer Milliarde bis zur Mitte des Jahrhunderts vor. Zu erwarten sind auch neue Migrationsrouten.

Fragerunde

Zum Abschluss ging der Referent auf zahlreiche Fragen ein.
Dem Vorschlag nach Lagern an der Grenze oder gar in Afrika erteilte er eine Absage, eine Externalisierung hätte nur den Erfolg, dass Migranten mehr Geld für die Flucht zahlen müssten. Er wiederholte seine Forderung nach legaler Einreise und Unterstützung für die Staaten, denen die abgewanderten Menschen fehlen. Auch einer Abschottung erteilte er mit dem Hinweis auf die Menschenrechte eine Absage.