Donnerstag, 25. Juni 2026

Im Blindflug durch die Welt – die Welt nach dem Iran-Krieg

Mehrere Autoren beschreiben das mögliche Ende des Irankriegs in der ZEIT. Die USA und Israels haben kein politisches Ziel erreicht, aber auch Deutschland gehört zu den Verlierern. 

1. Militärische Stärke führt nicht automatisch zum Sieg

Die Amerikaner und die Israelis haben Tausende Ziele angegriffen, die militärische Führung ausgelöscht und viele Schiffe versenkt. Dennoch hält sich das iranische Regime weiter an der Macht. Entscheidend war die asymmetrische Kriegsführung, die US-Basen und Raffinerien in der Region angriffen. Als größte Trumpfkarte erwies sich die Blockade der Meerenge von Hormus. 
Die Konsequenz: Großmächte können sich nicht auf ihre Dominanz verlassen – eine Lektion, die auch Russland in der Ukraine lernt. Es ist ein Missverständnis, dass die Starken tun, was sie wollen, und die Schwachen ertragen, was sie müssen.

2. Die USA werden von der Ordnungs- zur Chaosmacht

Donald Trump will vermeintlich das Gute, schafft aber zuverlässig das Böse. Er hinterlässt Trümmer, die dann die Alliierten aufräumen müssen. Für die Öffnung der Straße von Hormus wird Teheran Sanktionserleichterung, Wiederaufbauhilfe und Kontrollrechte bekommen. Iran kann die Straße jederzeit wieder blockieren und ist damit stärker als vor dem Krieg. Trump hat das Vertrauen von Freunden schwer erschüttert – in der Region, aber auch in Europa. 

3. Die amerikanische Gesellschaft ist kriegsmüde

Es gibt kaum mehr Konsens in der US-Gesellschaft, in der Kriegsmüdigkeit sind sich die Menschen aber einig. Trump hat lange die Ansicht vertreten, dass die Kriege im Irak und Afghanistan Niederlagen waren– und startet nun ein ähnliches Abenteuer. Selbst seine Basis ist empört, die innenpolitischen Kosten sind enorm. Die America-First-Politik begrenzt also die militärischen Optionen und beschneidet das Drohpotential des Präsidenten. 

4. Deutschland gehört zu den Verlierern

Die steigenden Ölpreise haben die Konjunktur in Deutschland gedämpft. Die Maßnahmen waren umstritten (Tankrabatt) oder scheiterten (Entlastungsprämie). Dies schlägt sich kurz vor den Landtagswahlen im Osten in schlechten Umfrageergebnissen nieder. 
Auch diplomatisch setzt der Krieg Deutschland zu. Lange galten sie als Verfechter des Völkerrechts, verurteilten aber den Krieg gegen den Iran nur halbherzig. Das Scheitern bei der Wahl zum UN-Sicherheitsrat zeigte die schlechtere Haltung. Die scharfe Kritik von Merz an Trump verschlechtere die Situation noch. 

5. China weiß nun, was die USA militärisch können und wie wenig ihnen das genutzt hat

Die Probleme der Amerikaner im Nahen Osten freuen die Machthaber in Peking. Die Amerikaner haben viele militärische Ressourcen verbraucht. China hofft auf einen dauerhaften Frieden, denn Iran ist ein wichtiger strategischer Partner, der bisher den Ölbedarf zu einem Zehntel gedeckt hat. 
Die Chinesen wissen nun mehr über die militärischen Möglichkeiten der USA und wissen darüber hinaus, dass die USA schnell die Lust am Krieg verlieren, wenn der Gegner nicht kapituliert. China sieht aber auch, dass militärische Übermacht allein nicht ausreichend ist. Mit der Meerenge von Taiwan haben die Chinesen eine ähnlich wirkungsvolle Waffe. 

6. Israel kann sich nicht mehr auf die USA verlassen

Die enge Partnerschaft zwischen den USA und Israelis nach dem Krieg kaum wiederzuerkennen. Nach der Vermittlung im Gaza-Krieg war Trump ein Volksheld, nun sehen die Israelis, dass Trump nur nach sich schaut. Israel steht nun allein im Konflikt, denn sie werden wirklich existenziell bedroht. Auch mittelfristig ist die Unterstützung fraglich – Israel wird sich auf die Amerikaner nicht verlassen können. 

7. Das Regime hat den Krieg gewonnen, die Bevölkerung hat ihn verloren

Der vielleicht bitterste Punkt: Während das Regime überlebt hat, steht es um die Bevölkerung im Iran schlechter denn je. Kurz vor dem Krieg gab es etwas Hoffnung, Oppositionelle haben sich auf die Straße gewagt. Die Gewalt hat ein ungekanntes Ausmaß erreicht: Die Zahl politischer Hinrichtungen ist auf einen neuen Höchststand gestiegen, die Revolutionsgarde regiert durch.
Das bittere Fazit der Autoren: „Den Preis für den Sieg der Islamischen Republik zahlten die Menschen im Iran – auch jene, die das Regime ablehnen. Bei den Verhandlungen mit den USA sitzen sie nicht mit am Tisch.“

Freitag, 5. Juni 2026

Wie lässt sich die AfD stoppen?

In der ZEIT beschreiben einige Autorinnen und Autoren, wie sie die AfD stoppen würden. Einige der Beiträge möchte ich hier vorstellen. 

Ein neuer Patriotismus 

Der Fotokünstler Wolfgang Tillmans fordert einen neuen Patriotismus und eine leidenschaftliche, aber nicht aggressive Verteidigung von Deutschland und der EU. Er befürchtet negative wirtschaftliche Folgen eines AfD-Erfolgs und appelliert an die Wirtschaftsvertreter sich klar zu positionieren. 

Eine Welle der Demokratiebegeisterung

Steffen Mau ist Professor für Makrosoziologie. Er nennt die erfolglosen Strategien von Wählerschelte über Brandmauer hin zur Ermahnung, die Probleme anzupacken: der Geist der Demokratiefeinde ist aus der Flasche. Bei ihnen liegt das politische Momentum. Wählerinnen und Wähler schlagen sich gern auf die Seite derer, bei denen es aufwärtsgeht.
Er fordert deshalb eine Gegenwelle der Demokratiebegeisterung. Wir müssen alle ran: ermuntern, mobilisieren, miteinander sprechen, mutig sein - zu Hause, in der Nachbarschaft, im Verein, am Arbeitsplatz. Die demokratische Mehrheitsgesellschaft muss sich sichtbar machen und sich ihrer Vielheit und Stärke versichern - nur dann hat sie eine Chance. 

Sichert die Renten

Monika Schnitzer ist die Vorsitzende der „Wirtschaftsweisen“ und sieht die Antwort auf die AfD in einem Staat, der funktioniert und einer Politik, die ehrlich kommuniziert. Viele Menschen haben Angst um die Rente, Jobverlust und vor der Zukunft. Die Politik muss überzeugende Antworten finden, damit die Menschen nicht das Vertrauen in die Zukunft verlieren. Durch offene Kommunikation soll klar werden, dass wir alle verantwortlich sind und dass alle etwas beitragen müssen, damit Deutschland das Beste aus seinen Möglichkeiten macht.

Wo bleibt der Aufstand?

Der Schauspieler Matthias Brandt fordert, dass man der AfD permanent widerspricht: öffentlich, beharrlich, ohne Angst vor ihrer Lautstärke. Die rechten Populisten verteidigen ihre Fantasiererei von Deutschland gegen die Wirklichkeit eines offenen, vielfältigen, widersprüchlichen Landes, das längst aus vielen Geschichten, Herkünften und Lebensformen besteht.
Notwendig ist ein Aufstand der Anständigen, weil die Inhalte der AfD unanständig sind, da sie Menschen herabwürdigen und ausgrenzen. Von ihr kommen keine konstruktiven Beiträge, sondern Verdacht, Kränkung und schlechte Laune. Moralische Empörung reicht aber nicht, die Regierung muss die sozialen Fragen beanworten. Die Demokratie ist nichts Naturgegebenes – um sie muss gekämpft werden. „Vielleicht beginnt alles damit, dass sich jeder Einzelne stärker als bisher für den Erhalt unserer freien und demokratischen Lebensform verantwortlich fühlt.“

Demokratie allein ist keine Lösung

Thomas Biebricher ist Professor für Politische Theorie an der Goethe-Universität Frankfurt. Er betont, dass es nicht ausreichend ist, die Demokratiefeindlichkeit der AfD zu betonen. Die Menschen erhoffen sich von der Demokratie mehr als deren Bewahrung, Demokratie lebt vom Versprechen auf die Zukunft – Wohlstand, Gerechtigkeit, Frieden und die Verteilung von Lebenschancen. Dazu benötigt man unterschiedliche Optionen, zwischen denen man wählen und gegebenenfalls auch abwählen kann. Politische Parteien müssen unterschiedliche inhaltliche Visionen entwickeln und um diese ringen, das Versprechen die Demokratie „resilienter“ zu machen, reicht nicht aus. 

Ein Parteiverbot als Exempel

Eva Illouz ist Professorin für Soziologie in Jerusalem und Paris. Sie betont die Möglichkeiten des Parteienverbots, das im Grundgesetz vorgesehen ist. Deutschland könnte mit dem Verbot der Welt ein Beispiel geben: dass Demokratie kein haltlos freigiebiges System ist, unfähig, für seine Werte einzustehen, und dass die Freiheit, die sie gewährt, nicht auf unabsehbare Zeit dazu missbraucht werden darf, sie von innen auszuhöhlen. 
Ein Verbot der AfD darf keine einseitige Maßnahme sein. Minderheiten verdienen Schutz, müssen sich aber auch zu den Werten bekennen. Illouz fordert, dass muslimische Bürgerinnen und Bürger vollständig in die Werteordnung integriert werden. Es braucht eine „wohlwollenden Hand, die sie in einen Gesellschaftsvertrag führt. Wenn alle Seiten um der Demokratie Willen auf etwas verzichteten, ließe sich auch der soziale Friede bewahren.“

Wir müssen die Schwächen der AfD gnadenlos auseinandernehmen

Die Historikerin Ute Frevert fordert, der AfD das Leben schwer zu machen: kommentieren, kritisieren, herausfordern, Schwächen benennen. Teile der Wählerschaft wird das nicht beeindrucken, dennoch muss man mit ihnen ins Gespräch kommen und sei es über Alltagsdinge wie Fußball. „Brücken schlagen, auf denen dann auch politische Argumente ausgetauscht, aber ebenso Grenzen gezogen werden können.“

Donnerstag, 4. Juni 2026

Heiterkeit, Liebe und konstruktive Lösungen gegen die AfD

In der Titelgeschichte in der ZEIT geht es um die Frage, ob und wie sich die AfD noch aufhalten lässt. Dieses Thema ist auch in meinen Seminaren ein wichtiges Element, vor allem in den Bereichen Demokratie und Gesellschaft
In meinem Blog stelle ich einige Beiträge zu diesem Thema vor, beginnend mit Anne Hähnig und Bernd Ulrich. Sie ziehen in ihrem Artikel Bilanz nach zehn Jahren AfD: "Das kann es noch nicht gewesen sein. Ihr Lösungsvorschlag: statt die Partei zu bekämpfen, fordern sie Heiterkeit, Liebe und konstruktive Lösungen."

AfD konnte nicht kleingehalten werden

Es wurde viel versucht, um die Partei kleinzuhalten – nichts hat richtig funktioniert. Die AfD steht bundesweit bei fast 30 % und in Sachsen-Anhalt vor der absoluten Mehrheit. Die mehrfach eingesetzte Strategie „Wir oder die AfD“ beantworten immer mehr Wähler mit „Dann eben die AfD“. 
Uli Hoeneß und der ehemalige Ministerpräsident Torsten Albig forderten die Partei durch Regierungsverantwortung zu demaskieren. Umstritten ist auch die Forderung nach einem Verbot – heute wäre ein Verbot schiere Verzweiflung und nicht in erster Linie ein Zeichen demokratischer Wehrhaftigkeit. Nicht zuletzt hat es nicht ausgereicht, dass die amtierende Bundesregierung die ungeregelte Migration bekämpft.

Verhältnis der Gesellschaft zur AfD muss sich ändern

Die Autoren schließen daraus, dass sich das Verhalten gegenüber der AfD verändern muss. Dazu zählen sie aber nicht die Brandmauer. Sie dient dazu, das Land vor einer AfD-Regierung zu bewahren. Ihre Anerkennung würde die gesellschaftliche Diskriminierung anderer Menschen regierungsamtlich machen. „Die AfD wird sich niemals gleichberechtigt fühlen, solange sie nicht andere herabwürdigen kann – das macht den Kern ihrer Identität aus.“ Außerdem steht die Brandmauer für eine bestimmte Haltung, die Autoren nennen es „akademischen Klassismus“. Am Beispiel von Hubertus Heil zeigen sie, dass akademische Arroganz keine Lösung ist. Hass und Wut kann sich einstellen, „man sollte es aber nicht offen zeigen, weil es unwürdig ist, weil es hässlich und unfrei macht.“

Welches Gefühl hilft gegen die AfD?

Verachtung und Herablassung im Kampf gegen die AfD ist kontraproduktiv. 
Die Autoren analysieren dazu verschiedene Emotionen: 
Sie fordern mehr Liebe, die stärker ist als Hass. Das schließt scharfe Kritik nicht aus, bedeutet aber eben kein Wettrüsten der bösen Gefühle. Wichtig ist eine Idee, wie wieder Zutrauen aufkommt und kein Überbietungswettbewerb beim Aufzeigen einer düsteren Zukunft. 
Fataslismus“ bedeutet, dass man die AfD mal regieren lässt. Laut Umfragen scheint es in Sachsen-Anhalt nur noch wenige Möglichkeiten geben, die AfD zu umgehen. In einer geheimen Wahl könnte AfD-Kandidat Siegmund die Stimmen bekommen, wenn er als Regierungschef ohne Mehrheit dastehen würde. Der Westen könnte bei dieser „Exotisierung“ zuschauen, aber sollte Ostdeutschland wirklich ein Labor für volkspädagogische Experimente sein?

Mäßigung durch Macht

Umstritten ist, ob sich Rechtspopulisten an der Macht selbst entzaubern. In Frankreich und Italien treten rechte Parteien gemäßigter auf, andere haben sich radikalisiert, so die österreichischen Rechtspopulisten und Donald Trump in den USA. Er zeigt auch wie gefährlich regierende Rechtspopulisten sind: Das Versprechen eines mächtigen Nationalstaats führt zu brachialer Symbolpolitik mit verheerenden Folgen. In Sachsen-Anhalt hätte die AfD die Kontrolle über die Polizei, das Bildungswesen und die Landesverwaltung.

Mobilisierung

Bisher wurde als Strategie vor allem die Mobilisierung „Wir gegen die“ erprobt. Diese Strategie hat zwei Kollateralschäden: Man redet ständig über Isolierung und die permanente Betonung hat keine langfristig abschreckende Wirkung. Auch die Strategie von Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, in jedes Dort zu fahren, blieb ohne Erfolg: Wenn man dauernd gefragt wird, womit man unzufrieden ist, fällt einem immer mehr ein.

Asymmetrische Demobilisierung 

Angela Merkel wurde vorgeworfen, Geburtshelfer der AfD gewesen zu sein, aber die Strategie von Friedrich Merz als Kanzler des offenen Wortes kommt auch nicht gut an. Taugt als eine emotionale Politisierung auch nicht, um den Rechtspopulismus einzudämmen? Merkels Strategie der asymmetrische Demobilisierung funktioniert in Schleswig-Holstein einigermaßen. 

Die Rolle der Medien 

Der Glaube, dass man die AfD bekämpfen muss, ist auch unter Journalisten weit verbreitet. Dieser Journalismus erweckt den Eindruck, dass Zuschauer nachgeschult werden müssten. Ihm fehlt ein genuines Element des Journalismus: die Neugierde. Rechte Meiden bieten der AfD eine Bühne und prägen die Debatten bereits. 

Was man lassen und machen sollte 

Für die Autoren ergeben sich daraus sieben Dinge, die man in Zukunft lassen sollte: Verachtung, Exotisierung, Klassismus, Verzweiflung, Verbotsdiskussionen, schnöder Materialismus, antifaschistisches Pathos. Sie fordern stattdessen vier Dinge: Heiterkeit, Liebe, Lösungen – und die Brandmauer. Und schließlich eine Lehre: Der Kampf gegen die AfD kann nicht im Kampf gegen die AfD gewonnen werden, aber verloren.