Mittwoch, 25. Dezember 2024

Syrische Ärzte und Pflegekräfte sind unverzichtbar für Deutschland

Benedikt Peters warnt in der Süddeutschen Zeitung vor der Forderung nach Rückführung der Geflüchteten aus Syrien. Solche Sprüche werden auch von denjenigen im Ausland registriert, um die deutschen Betriebe dringend werben.

Tausende Syrer arbeiten in Krankenhäusern

Mit über 6000 Ärzten kommen die meisten ausländischen Ärzte mittlerweile aus Syrien – hinzu kommen mehrere Tausend Syrer. Peters bezeichnet die Debatte über Rückführungen als schäbig. Einerseits weil die Lage in Syrien noch unübersichtlich ist, andererseits, weil es aus wirtschaftlicher Sicht schlicht töricht ist.

Deutschland hat ein gigantisches Fachkräfteproblem

Schon jetzt können viele Stellen nicht besetzt werden. Wenn die Babyboomer in den nächsten Jahren in Rente gehen, wird sich dieser Mangel verschärfen. Arbeitsmarkforscher haben ermittelt, dass bis 2060 jedes Jahr 400.000 Menschen zuwandern müssten, um die Zahl an Arbeitskräften stabil zu halten. Wie fahrlässig ist es da, wenn insbesondere Vertreter einer vermeintlich wirtschaftskompetenten Partei wie der CDU den Syrern jetzt nahelegen: Geht bitte bald, mit Handgeld oder ohne, wir brauchen euch nicht mehr.

Erwerbsquote könnte besser sein – wird aber steigen

Die Erwerbsquote von Syrern könnte dennoch besser sein: 220 000 haben einen sozialversicherungspflichtigen Job, 350 000 erhalten Bürgergeld. Aber alles spricht dafür, dass sich dieses Verhältnis in den nächsten Jahren noch deutlich verschieben wird. Zwei Drittel derer, die 2015 und 2016 kamen, haben einen Job. Die 300.000 Syrer, die seit 2021 gekommen sind, brauchen als vor allem Zeit. Viele werden dies schaffen, denn im Vergleich zu Geflüchteten aus anderen Ländern sind sie überdurchschnittlich qualifiziert-

Echte Willkommenskultur ist notwendig

Die Rückführungsdebatte ist schädlich, weil sich Deutschland erneut als wenig weltoffenes Land präsentiert. Internationale Fachkräfte überlegen sich genau, wo sie sich auf einen Arbeitsplatz bewerben und wo lieber nicht. Umfragen zeigen, dass Deutschland einigen Verbesserungsbedarf hat; er dürfte in diesen Tagen eher nicht kleiner geworden sein.

Donnerstag, 12. Dezember 2024

Syrien: Kann die Selbstbefreiung gelingen?

Sonja Zektri fragt in der Süddeutschen Zeitung, ob Syrien als einheitlicher und souveräner Staat übersteht - ohne Besatzung, ohne Bürgerkrieg, ohne neue politische Gefangene. Dann wäre viel erreicht – die Welt muss dabei aber helfen.

Chaotische Zustände im Irak

Im Irak spielten sich 2002 ähnliche Szenen ab, nachdem Saddam Hussein die Gefängnisse geöffnet hatten. Damals hoffte man auf einen demokratischen, kapitalistischen, dem Westen zugetanen Irak, dem weitere folgen würden. Heute weiß man: Der Irak wurde tatsächlich zum Modellfall, allerdings für das Risiko, das die kenntnisfreie Einmischung einer Supermacht in eine komplizierte Gesellschaft bedeutet. Die fehlende Euphorie heute hat auch mit den Erfahrungen von damals zu tun.

Keine funktionierenden Demokratien in der Region

Im Irak erzwangen äußere Kräfte den Umsturz, in Syrien aber stützten fremde Mächte das Regime. Den Umsturz schafften die Syrer allein. Die Hoffnung auf Demokratie hat sich in keinem Land erfüllt: Ägypten wird wieder einmal vom Militär regiert, Libyen und Jemen sind geteilt und dysfunktional
Selbst das einstige Vorzeigeland Tunesien fällt in die Autokratie zurück.

Realistische Erwartungen für Syrien

Nach 50 Jahren Assad-Diktatur und 13 Jahre verheerendem Krieg, darf man nicht zu viel erwarten: „Sollte Syrien das nächste Jahr als einheitlicher, souveräner Staat überstehen, ohne Besatzung, ohne Bürgerkrieg, ohne neue politische Gefangene, wäre viel gewonnen.“
Der neue starke Mann Ahmed al-Scharaa macht vieles richtig, aber benötigt Zeit

Für freie Wahlen ist es noch zu früh

Baldige Wahlen wären verfrüht: Ohne freie Medien, ohne vertrauenswürdige Institutionen, ohne ein Minimum von Loyalität gegenüber dem Staat werden Wahlen zur Schaufensterveranstaltung. Der Nahe Osten hat ungezählte Beispiele solcher pseudodemokratischen Verrichtungen erlebt, die bestenfalls überflüssig sind und schlimmstenfalls die Spaltungen vertiefen und Repressionen auslösen. Bald werden die Syrer ihre Machthaber danach bewerten, ob sie Lebensmittel, Benzin und Strom beschaffen.

Syrien nicht weiter destabilisieren

Europa und die USA freuen sich über die Pleite Russlands. Wichtig ist, das Land nicht weiter zu destabilisieren. Wichtig wäre ein Ende der Sanktionen als ein Signal der Solidarität mit den leidgeprüften Syrern.
Das Eingreifen der Türkei im Norden und Israels im Süden schwächt die neue Regierung.

Deutschland kann sich Abschiebedebatte nicht leisten

Deutschland sollte auf eine Abschiebedebatte verzichten. Das Ansehen deutscher Außenpolitik hat ohnehin gelitten, die syrischen Flüchtlinge hingegen sind Deutschlands beste Fürsprecher. Dringend müsste nun Kontakt zu Syriens neuer Führung aufgenommen werden, bei den Islamisten in Saudi-Arabien oder den Emiraten hat Berlin ja auch keine Berührungsängste. Denn wenn Deutschland sich nicht engagiert, auch dafür ist Syrien ein Beispiel, werden andere es tun.

Mittwoch, 20. November 2024

Das Ende des Westens

Dirk Kurbjuweit schreibt im SPIEGEL über die Bedeutung des Wahlsiegs von Donald Trump.

Ein Zeitalter kommt an sein Ende

Die westliche Welt blühte nach dem 2. Weltkrieg auf. Als Gegenmodell zu Nationalsozialismus und Stalinismus blühte der Westen als Gegenmodell auf. Wohlstand für alle durch sozialen Ausgleich und Freiheit für die Bürger. Es war eine Phase der Rationalität, der wissenschaftlich gestützten Vernunft.
Dieses Zeitalter geht zu Ende, markiert durch die erneute Wahl von Donald Trump. Spaltungen gibt es in vielen Ländern, das gemeinsame Wertefundament zerbröselt.

Wandel wurde nicht gut begleitet

Nach der vermeintlichen Lösung der sozialen Frage zielte progressive Politik auf Themen neue Rechte und Freiheiten für Minderheiten. Zu wenig haben linke Parteien beachtet, dass die Sorge um den Abstieg nicht verschwindet, wenn das Wohlstandniveau hoch ist. So entstand der Eindruck, die linksliberalen Parteien kümmerten sich nicht um Arbeiter, um Teile der Mitte. Auch die notwendigen Veränderungen für den Klimawandel konnten die Regierungen nicht erklären. 

Nationaler Gedanke bleibt wichtig

Unterschätzt haben liberale Demokratien auch, wie wichtig der nationale Gedanke ist. Ohne den Druck auf das Gemeinsame geriet das Eigene in den Vordergrund – die eigene Nation. Einwanderer wurden mehr und mehr als Bedrohung empfunden. Auch diesen Wandel haben die liberalen Demokratien zu wenig berücksichtigt.

Wiederbelebung des Westens

Westlichen Demokratien ist es nicht gelungen, die Nach-Nachkriegszeit geschickt zu gestalten – manchen fehlt die die Ernsthaftigkeit wie das peinliche Ende er Ampelkoalition. Eine Wiederbelebung des Westens muss beachten, dass alle Fragen auch soziale Fragen sind – „ob nun in der Wirtschafts-, der Migrations- oder der Klimapolitik. Rationale Politik bleibt richtig, aber bitte mit Herz.

Samstag, 16. November 2024

Wäre ein Sexist als Regierungschef auch in Deutschland denkbar?

Die Süddeutsche Zeitung fragt, ob auch in Deutschland ein Sexist als Regierungschef denkbar wäre.

Sexismus ist längst Mainstream

Ein deutscher Politiker wäre sicher erledigt, wenn er sich so sexistisch äußert und frauenfeindlich handelt. Sich über den deutschen Stand der Gleichberechtigung zu freuen und „Die spinnen, die Amis!“ zu rufen, wäre naiv, meint Barbara Vorsamer. Sexismus ist Mainstream – im Berliner Politikbetrieb genauso wie in der gesamten Gesellschaft.
Unter Sexismus versteht man die bewusste oder unbewusste Stereotypisierung, Benachteiligung oder Unterdrückung von Menschen aufgrund des Geschlechts. Dieser Sexismus ist allgegenwärtig – von der Beurteilung nach dem Äußeren hin zur Frage an den Vater auf dem Spielplatz, ob Mutti heute freihat. Um kein Sexist zu sein, reicht es nicht, keiner sein zu wollen

Der mögliche nächste Kanzler Friedrich Merz hat sich nicht nur 1997 mit seiner Gegenstimme gegen die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe, sondern bietet auch aktuell Zweifel. Seine Bedenken gegen die Geschlechterparität begründete er mit der Bilanz von Verteidigungsministerin Lambrecht und dem zynischen Satz: „Wir tun damit auch den Frauen keinen Gefallen.“ Ein Blick auf Andreas Scheuer, dass es bei Proporz bei Bundesland oder Parteizugehörigkeit schon ganz andere Fehlbesetzungen gegeben hat. Gleichzeitig gibt sich Merz als Verteidiger von Frauenrechte, wenn es um Migranten geht. „Frauenfeindlichkeit ist in Deutschland tief verankert. Wer sie ausschließlich in migrantischen Milieus oder den USA wahrnimmt, schaut nicht genau hin.“

Nur bedingt vergleichbar

Tanja Reist verweist darauf, dass die Wählerschaft in den USA eine ganz andere ist als in Deutschland.
Sie beschreibt eine Szene in der Dokumentation von Ingo Zamperoni, die auch mich irritiert hat. Eine Frau verweist auf das Neue Testament und sieht deshalb die Führungsrolle den Männern vorbehalten. Auch Amerikanerinnen haben einen Sexisten zum Präsidenten gewählt – das Gleich hält sie zumindest vorerst für unvorstellbar. Jeder fünfte Trump-Wähler kommt aus dem Lager der Evangelikalen – dieser Fundamentalismus spielt in Deutschland keine Rolle. Bei allem Fatalismus: Für einen deutschen Politiker wäre dies das sichere Ende der Kanzlerkandidatur. Jedenfalls vorläufig noch.

Freitag, 8. November 2024

Donald Trump ist der Präsident, den sie wollen

Stefan Kornelius kommentiert in der Süddeutschen Zeitung die Präsidentschaftswahlen: Donald Trump ist der Präsident, den sich die Amerikaner wünschten. Die Wählerinnen und Wähler haben eine bewusste Entscheidung gefällt: Sie suchen Schutz in einer Scheinwelt, und in diese zieht ihr Held nun mit Pomp und Gloria ein. Trump ist kein Unfall der Geschichte, das Land hat eine bewusste Entscheidung gefällt. Seine Macht ruht auf dem Willen einer Furcht einflößenden Mehrheit.

Amerika wird autoritär und schottet sich ab

Trump repräsentiert das Dagegen: gegen die Kräfte der Moderne, gegen die Zumutung der Ökonomie, gegen die kriegerische Welt und ihre Eindringlinge an der amerikanischen Grenze. Er symbolisiert die Beharrung und den Rückzug, er verspricht eine Reise in die Vergangenheit. Amerika wird hyperkonservativ, autoritär und schottet sich ab. Die Zumutungen der Gegenwart und die Komplexität der Probleme überfordern die Mehrheit. Schutz verspricht der starke Typ. Die Lüge, nun alternative Wahrheit genannt, wärmt das Gemüt.

Harris hatte im Prinzip keine Chance

Kamala Harris konnte Trump nichts entgegensetzen. Sie schaffte es nicht, eine Botschaft der Erneuerung und Hoffnung zu geben. Sie trug eine doppelte Bürde als Frau und als Schwarze und zerschellte gerade deshalb an der Niedertracht Trumps. Ihre Niederlage wird den liberalen Teil Amerikas in tiefe Lähmung stürzen.

Die USA geben einen Konsens auf

Mit der erneuten Wahl verabschieden sich die USA aus dem Konsens, den die demokratischen Staaten der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg geformt haben und der den sogenannten Westen hervorbrachte. Auch das amerikanische Zweiparteiensysteme wird zerbrechen: aus den Republikanern wurde die Maga-Bewegung, den Demokraten steht ein zerstörerischer Selbstfindungsprozess bevor. Die Linke wird sich vom moderaten Teil absetzen und radikalisieren.

Wird Trump sein größter Feind?

Trump könnte mit seinen autoritären bis faschistischen Zügen das Land verändert. Er könnte aber auch ein schwacher Präsident werden, da er nicht nochmal antreten kann. Es könnte ein Kampf um seine Nachfolge ausbrechen und Trumps Macht schnell verblassen. Vieles ist ungewiss, sicher ist lediglich, dass die Unberechenbarkeit Trumps größte Waffe bleibt.

Goldene Zeiten wird es nicht geben

Trump verspricht goldene Zeiten. Solche Versprechen sind Wunschgebilde, die zu einer Verklärung der Vergangenheit führen. Der Autor bezeichnet es als schockierenden Realitätsverlust, dass sich die Amerikaner nun eine Führung durch einen autoritären Konservativismus wünschen. Er könnte als Vorbild für Populisten aller Couleur dienen. Dass es eine Scheinwelt ist, in die Trump nun mit Pomp und Gloria einzieht, ist dafür unerheblich.

Mittwoch, 16. Oktober 2024

Informationen zur US-Präsidentschaftswahl

Die US-Präsidentschaftswahl hält nicht nur die Menschen in den Vereinigten Staaten in Atem. Das ist verständlich, denn die Wahl hat Auswirkungen auf die ganze Welt, insbesondere wenn Donald Trump gewinnt und erneut ins Weiße Haus einzieht.
Einen tollen Überblick bietet eine Seite der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. In verschiedenen Rubriken werden das Regierungssystem, das Wahlsystem und die Kandidaten vorgestellt.

Wahlsystem

Ausführlich wird das Wahlsystem erklärt, dass auch in meinen immer wieder für Verwunderung sorgen. Einiges lässt sich mit Traditionen und der Bedeutung von Bundesstaaten zu tun, dass der Wahlkampf sich auf wenige Swing States konzentriert und auch der Kandidat mit weniger Stimmen gewinnen kann, ist und bleibt schwer zu verstehen.

Vergleich der Positionen

Spannend ist auch der Vergleich der Positionen. Die Unterscheide in vielen Politikbereichen wie Umweltschutz und Abtreibung sind gigantisch, andererseits kommen einem einige Themen wie die Sorge um Wohnraum oder das Gesundheitssystem bekannt vor. Auch Trumps Forderung nach „Abschiebungen im großen Stil“ fordern verschiedene Politiker*innen in Deutschland und Europa.

Was passiert, wenn Donald Trump erneut Präsident wird?

Sorgen kann einem die Seite über die möglichen Folgen eines Wahlsiegs von Donald Trump machen. Besonders das „Project 2025“ könnte massive Veränderungen und sogar das Ende der amerikanischen Demokratie bedeutet. Es sieht mehr Macht für den Präsidenten, einen konsequenten Austausch der Beamtenapparats und die Abschaffung von Freiheitsrechten.
Während die erste Amtszeit von Trump durch Chaos geprägt war, in denen „Erwachsenen“ eindämmten, ist das Team um Trump dieses Mal gut vorbereitet. Einen Austritt aus der NATO halten die Autoren für unwahrscheinlich, aber es könnte zu einer massiven Schwächung kommen. Auch für die Ukraine würde ein Wahlsieg nichts Gutes bedeuten.

Mittwoch, 9. Oktober 2024

Irgendwann machen Israelis oder Iraner den einen Fehler zu viel

Tomas Avenarius zeichnet in der Süddeutschen Zeitung ein düsteres Bild über den Konflikt zwischen Israel und Iran: Irgendwann machen Israelis oder Iraner den einen Fehler zu viel. Und dann bricht der große Krieg aus, den vorerst keiner will.

Vergeltungsschläge könnten den Flächenbrand auslösen

Seit Monaten zeigen, dass sie auf einen „Flächenbrand in Nahost“ zusteuern. Der gezielten Tötung von Hamas- und Hisbollah-Führern folgen Gegenschläge. Diesen großen Krieg – den zu Tode zitierten Flächenbrand – will vorerst keiner, aber sind sich die Konfliktparteien dieser Verantwortung bewusst. Auf Risiko spielen beide Seiten dennoch.

Der Mann, der Israel und sich selbst retten will

Benjamin Netanjahu verknüpft sein eigenes Schicksal mit dem seines Landes: Wenn er die Macht irgendwann abgeben muss, drohen im Gesetzesverfahren. „Also dürfte er weitermachen wie bisher und eher wenig Interesse an einem raschen Frieden in Gaza haben. Der Krieg hält ihn im Amt. Ob es mit seinen Nachfolgern besser wird, ist unklar: Die politischen Gewichte haben sich nach rechts verschoben. Die Bereitschaft, den Palästinensern zu vertrauen, geht gegen null.

Der Mann, der Iran in einer Systemkrise gefangen hält

Vom seit Jahrzehnten herrschenden Ayatollah Chamenei auf der iranischen Seite ist auch keine perspektivische Stabilität zu erwarten. Der Iran befindet sich seit langer Zeit in einer Systemkrise, viele Menschen haben von der Mullah-Regierung genug „Das sind schlechte Voraussetzungen für einen geordneten Machtwechsel. Und damit für eine Beruhigung in der Region insgesamt.“

Können zukunftsfähige Perspektiven gefunden werden

Ohne eine faire politische Lösung des Palästinenserproblems wird es für Israel keinen Frieden geben, mit oder ohne die Hamas. Für den Autor ist völlig unklar, denn weder Netanjahus rechte Koalitionspartner noch einige Araber haben wirklich Interesse. Auch die oft zitierte Zwei-Staaten-Lösung erscheint „längst weggesiedelt“.

Wer käme eigentlich als Vermittler noch infrage?

Ähnlich düster sieht der Autor die Möglichkeit, dass der Westen vermitteln könnte. Jeder Versuch einer militärischen Lösung würde zu einer Katastrophe führen. Auch diplomatisch wird es schwieriger, da sich Iran trotz aller Gegensätze an Russland annähert.
Auf die EU als Ordnungsmacht zu setzen, ist für den Autor reine Zeitverschwendung. „Die nicht mehr ganz so mächtige Weltmacht“ USA ist mit sich selbst beschäftigt, wird vielleicht bald schon von einem Egomanen regiert, der allen Krieg dieser Welt mit einem einzigen Gespräch wegverhandeln möchte. „Das abgedroschene Gerede vom drohenden Flächenbrand dürfte also leider noch eine Weile aktuell bleiben.“

Sonntag, 15. September 2024

Debatte Asylpolitik - Die unmoralische und inhumane Realität des bisherigen Asylsystems

Susmita Arp fordert im SPIEGEL einen „nüchternen Blick auf das Asylsystem“ und kritisiert die unmoralische und inhumane Realität.

Abschiebungen funktionieren nicht

Bei der derzeitigen Debatte scheinen die das Nachsehen zu haben, die für Menschlichkeit eintreten. Abschiebungen sind ein zentraler Pfeiler des Systems, funktionieren aber nicht. 57 % der erwachsenen Asylbewerber haben keine Pässe, bei Tunesiern sind es über 90 %. Auch der Versuch, Migranten in den EU-Staat zu überstellen, der für deren Antrag zuständig ist, scheitert regelmäßig. Abschiebungen treffen die Ehrlichen, die eine Meldeadresse haben.

Man kann die Probleme nicht mit ein paar Reformen beheben

Hunderttausende reisen ein, bei vielen kommt nach einigen Monaten die Ablehnung. Selbst bei beschleunigten Verfahren bleibt das Dilemma, dass die Menschen viele Geld an Schlepper bezahlt haben und doch nicht bleiben können.

Obergrenze als "Survival of the fittest"

Letztlich schaffen es vor allem Menschen, die ausreichend Geld haben und die gefährliche Überfahrt schaffen können. Kein Wunder, dass 80 Prozent der erwachsenen Asylantragsteller Männer sind. Die Obergrenze wird durch die Regierungen der Transitländer durchgesetzt, die sich von der EU dafür bezahlen lassen, dass die Menschen an der Weiterreise hintern.

Humanitäre Hilfe und Arbeitsmigration sind nicht dasselbe

Derzeit kommen Hunderttausende nach Deutschland, die Unterstützung brauchen – Wohnungen, Deutschkurse und oft auch Therapeuten, da sie Traumatisches erlebt haben. Sie in Arbeit zu bringen, ist ein langer Weg und unterscheidet sich von Arbeitsmigration.

Vorbild Kanada mit Großzügigkeiten und Abschreckung  

Kanada nimmt jedes Jahr Schutzbedürftige auf, die in Zusammenarbeit mit dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen ausgewählt werden. Gleichzeitig versucht die Regierung, unkontrollierte Migration zu begrenzen. Das mag leichter sein als in Europa, ist dennoch nicht unmoralischer als Deutschland.

Visionen für die Migrationspolitik

Die Autorin nennt Aspekte einer Version für die Migrationspolitik.

  • Hilfe für Menschen, die vor Krieg oder politischer Verfolgung fliehen – aber nicht alle, die kommen wollen.
  • Großzügige Kontingente bei unkontrollierter Migration durch Abschreckung begrenzen
  • Ausländische Fachkräfte sind willkommen. Sie sollten die nötigen Qualifikationen mitbringen und Aussicht auf einen Job haben.

Eine solche Vision ist nicht inhuman, die bisherige Praxis schon.

Freitag, 13. September 2024

Debatte Asylpolitik - Die Regeln der Migrationspolitik dürfen nicht dem Populismus geopfert werden

Ronen Steinke kommentiert in der Süddeutschen Zeitung die aktuelle Debatte über Migration und betont, dass die Regeln der Migrationspolitik nicht geopfert werden dürfen.

Anwaltliche Arbeit muss gefahrlos möglich sein

In Dresden wird eine Anwältin, die den Attentäter von Solingen vertreten hat, bedroht. Die Anwältin hatte für ihren Mandanten bloß routinemäßig eine Klage gegen die Rückführung in ein anderes EU-Land eingelegt. Auch das bürgerliche Milieu beteiligt sich an dieser Geringschätzung, so sprach Alexander Dobrindt bereits 2018 von einer „Anti-Abschiebe-Industrie“.
Wenn bestimmte Gruppen von Menschen – seien es Flüchtlinge oder auch andere, auf gesellschaftliche Ablehnung stoßende Personen – nicht mehr gefahrlos anwaltlich vertreten werden könnten, dann wären die Regeln, die Parlamente für genau ihre Fälle geschaffen haben, rasch nichts mehr wert.

Regeln dürfen nicht umgangen werden

CSU-Chef Söder fordert, dass anstelle von Gerichten das Volk entscheiden soll. Da oben die entrückten Richter, hier unten das „wahre“ Volk – so reden Populisten, die für ihr eigenes politisches Programm gern eine größere Legitimität beanspruchen.
Zwar ist es legitim – auch im Bereich der Asylpolitik – Regeln zu verändern. Wer aber aufruft, Regeln zu übergehen und Anwälte dem Hohn preisgibt spielt ein gefährliches Spiel.
Jeder Mensch verdient eine professionelle juristische Vertretung.  Der Rechtsstaat beweist sich gerade dann, wenn es schmerzhaft wird – wenn es also zum Beispiel um die Rechte von islamistischen Terroristen geht.

Asylregeln nicht umgehen

Nach dem Anschlag von Solingen wird diskutiert, wie man die Regeln umgehen könnte - etwa mit der fadenscheinigen Konstruktion einer „nationalen Notlage“, wie von CDU-Chef Friedrich Merz vorgeschlagen – dann ist das inakzeptabel. Nicht, weil diese Regeln für alle Zeiten sakrosankt wären. Das sind sie nicht. Sondern weil diese Vorgehensweise eine Missachtung des Primats des Rechts ausdrückt.

Donnerstag, 12. September 2024

Debatte Asylpolitik - Können Zurückweisungen funktionieren?

Nach dem Anschlag in Solingen ist die Debatte über das Asylrecht voll entbrannt. Politiker überschlagen sich mit Forderungen, deren rechtliche und praktische Umsetzung oft fraglich ist. Die Ergebnisse der Wahlen in Thüringen und Sachsen lassen auch Zweifel zu, ob damit der AfD der Wind aus den Segeln genommen werden kann. Es sieht eher nach dem Gegenteil aus – die Menschen wählen das Original. In diesem Blog präsentiere ich mehrere Analysen.

Daniel Tym - Kann der Merz-Plan funktionieren?

Der Migrationsexperte Daniel Tym hat im SPIEGEL und im Verfassungsblog analysiert, ob die Merz-Forderung überhaupt machbar ist. Er sieht in Zurückweisungen den Startschuss für eine hochriskante Phase, in der sich die europäische Asylpolitik neu aufstellt.

Kein sofortiges juristisches Ungemach

Tym sieht in Zurückweisungen einen Abschreckungseffekt, sie signalisiert der Weltöffentlichkeit, dass die Willkommenskultur definitiv vorbei ist.
Die Dublin-Regeln funktionieren schlecht, sie verlieren deshalb aber nicht ihre rechtliche Bindungswirkung. Im Europarecht gilt nicht das völkerrechtliche Prinzip eines „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, wonach ein Land eine Verpflichtung missachten darf, weil andere Länder dasselbe machen. Heftig gestritten wird, ob wirklich eine Notlage vorliegt, die eine Ausnahme zulassen würde. Bisher wurden alle Versuche vom Europäischen Gerichtshof abgelehnt, hier könnte die Bundesregierung aber Fakten schaffen, die durch spätere Urteile nicht mehr zu ändern sind.

Ist das europäische Einigungswerk bedroht?

Der Autor betont die Unterschiede zu 2015. Damals waren Tausende Menschen auf dem Weg, Zurückweisungen hätten die Nachbarländer überfordert. Mittlerweile haben die Länder ihren Grenzschutz intensiviert. Ein Dominoeffekt könnte dazu führen, dass die Länder weitere Anstrengungen unternehmen und dann die ganze EU auf Abschottung setzt.

Neues striktere Asylpolitik?

Regierungen der Nachbarländer sehen deutsches Asylsystem als Magnet. Deshalb würden die Zurückweisungen kurzfristig unangenehm, mittelfristig könnten durch den Abschreckungseffekt weniger Menschen kommen. Merz könnte eine gesamteuropäische Allianz schmieden, die die Asylpolitik noch stärker auf Begrenzung ausrichtet.
Zurückweisungen könnten dazu führen, dass das Recht auf Asyl weiterhin geprüft und gewährt werden, nur nicht in Deutschland.

Wolfgang Janisch: Zurückweisungen – So einfach geht das nicht

Wolfgang Janisch schreibt in der Süddeutschen Zeitung über die Forderung nach Zurückweisungen und betont: So einfach geht das nicht.

Beschleunigtes Verfahren möglich aber schwierig

Wie Tym betont auch Janisch, dass Dublin „eine schlecht funktionierende, aber eben immer noch rechtsgültige EU-Verordnung, die das Verfahren zum Flüchtlingsschutz regelt.“ Es muss also in jedem Fall geklärt werden, wer für das Verfahren zuständig ist. Dies jedoch könnte durchaus durch ein beschleunigtes Verfahren geschehen, wie es auch die Bundesregierung vorsieht. Es bleibt aber das Problem, dass die Länder wie Italien weiter die Rücknahme von Asylbewerber verweigern.

Zurückweisungen ins Verderben?

Janisch zitiert Tym, der Zurückweisungen durchgesetzt könnte, bevor ein Gericht grünes Licht gibt. Die erhoffte Kettenreaktion sieht er aber kritisch: Politisch mag das beabsichtigt sein, um die Anreize für eine Flucht nach Europa zu minimieren. Juristisch wäre dies ein klarer Verstoß gegen das refoulement-Verbot – weil man damit die, die wirklich verfolgt werden, ins Verderben schickt

Sind Zurückweisungen praktisch umsetzbar?

Der SPIEGEL verweist in einem Artikel auf ein weiteres Problem bei der Umsetzung: Die deutsche Außengrenze ist 3876 Kilometer lang. Es könnten nicht alle Grenzübergänge kontrolliert werden, ohne Einschränkungen für Reisen und Verkehr in Kauf zu nehmen. Über Wald- und Feldwege würden weiterhin Menschen ins Land gelangen.

Karoline Meta Beisel: So schürt man falsche Erwartungen

Karoline Meta Beisel kritisiert in der Süddeutschen Zeitung die Forderung nach Zurückweisungen an den Grenzen: „So schürt man falsche Erwartungen. Weder das europäische Recht noch andere EU-Mitgliedstaaten würden solch eine Regelung unterstützen.

Zurückweisungen rechtlich schwierig

Nach den Schengen-Regeln dürfen Menschen nur zurückgewiesen werden, wenn sie nicht um Asyl bitten – aber genau das wollen die meisten Menschen, die sich auf den Weg nach Deutschland machen.
Zwar sieht das deutsche Asylrecht Ausnahmeregelungen für Menschen aus sicheren Drittstaaten – alle deutschen Nachbarstaaten, viele Experten vertreten aber die Auffassung, dass das europäische Recht gilt. Nach dem Dublin-System ist der Staat zuständig, den der Asylbewerber zuerst betritt. Die Länder entziehen sich dieser Aufgabe, in dem sie die Menschen nicht registrieren. Außerdem gibt es Ausnahmen für unbegleitete Jugendliche und Menschen, die bereits Familienangehörige haben. Das bedeutet: Deutsche Behörden müssen also auf jeden Fall prüfen.

Änderungen der europäischen Regeln unrealistisch

Nach vielen Mühen hat sich die Europäische Union auf Änderungen geeinigt. Die anderen Mitgliedstaaten an weiteren Änderungen dürfte äußerst gering sein, außerdem würden die Nachbarländer die Grenzen auch dicht machen. Am Ende der geografischen Verschiebekette liegen die EU-Außenstaaten, die schon heute mangelnde Solidarität bei der Bewältigung der Migration beklagen.

Fundamentale Krise droht

Wenn im deutschen Alleingang umgesetzt würde, was die Union vorschlägt, drohte der EU eine fundamentale Krise. Dabei gälte Deutschland einmal mehr als Egoist, der sich nur an jene Regeln hält, die ihm passen.
Die Autorin betont, dass es ein berechtigtes Ziel ist, irreguläre Migration zu reduzieren – auch die Ampelregierung verfolgt dieses Ziel. Aber Zurückweisungen an der Grenze taugen als schnelle Lösung nicht. Sie zu versprechen, schürt Erwartungen, die die Politik nicht erfüllen kann.


Mittwoch, 11. September 2024

Wahlen in Ostdeutschland - Sozialpolitik, die den Menschen zugutekommt

Der Volksverpetzer beklagt unter dem Titel „Faschisten gewinnen erste Wahl seit 1933“: „Über diese 5 Lektionen spricht niemand“.

Fehler der Ampel und Union im Mittelpunkt

In der Debatte geht es vor allem um zwei Dinge: Was die Ampel falsch gemacht hat und was die Union falsch gemacht hat. Kritisiert wird die Führungsschwäche von Scholz, „bloße Existenz der Grünen“ und die Destruktivität der Ampel. Die CDU wird wegen des undifferenzierten Ampel-Bashings kritisiert.

Die FDP hat eine historische Niederlage erlitten

Die Kritik an Ampel trifft meistens SPD und Grüne. Die FDP scheint paradoxerweise das nicht vergleichbare Abschneiden der Partei zu Selbstbestätigung zu führen, nicht zu einem Umdenken – obwohl sie kaum über 1 % gelandet sind.

Auch die CDU hat eine Wahlniederlage erlitten

Die CDU konnte sich trotz der Schwäche der Ampel-Parteien wählen, ein großer Teil hat sie nicht gewählt, damit die AfD nicht zu viel Einfluss bekommt!

Ossi-Bashing bringt nicht weiter

Der Autor wendet sich gegen „den paternalistischen Wessi-Blickwinkel mit Haha-Mauer-Jokes“. Unter dieser Herablassung leiden auch Ostdeutsche, die die AfD nicht gewählt haben. Nicht viel besser sind Forderungen, die Ostdeutschen ernst zu nehmen oder die Aussage von Merz, dass man die Politik eben besser erklären muss.

AfD verbieten?

Im Gegensatz zu anderen beim Volksverpetzer ist der Autor gegen einen Verbotsantrag, dennoch betont er die Notwendigkeit einer wehrhaften Demokratie“
 

Konstruktive Lösungen und positive Visionen

Der Blick in die Wissenschaft zeigt, was man stattdessen brauchen könnte: Eine ordentliche Sozialpolitik, die auch den Menschen zugutekommt
Forscher der Harvard Universität zeigen, dass in Ländern, die mehr für soziale Unterstützung ausgeben und ihre Ausgaben stabil halten, populistische Parteien weniger Unterstützung erhalten. Soziale Unterstützung und der Bau bezahlbaren Wohnraums sind wichtige Mittel zur Eindämmung populistischer und rechtsradikaler Strömungen sein können.

Technik der Emotionalisierung

Der Extremismusforscher Matthias Quent betont, dass die Ampel nicht an allem Schuld sein kann. Bereits 2019 hatte die AfD in Sachsen auch schon fast 30 % und auch bei der Bundestagswahl war die AfD im Osten stark. Er sieht die Erfolge in der „Technik der Emotionalisierung“, die in Ostdeutschland auf fruchtbaren Boden trifft: Schwächen der Zivilgesellschaft, geringerer Wohlstand, schwache Bindungen zu traditionellen Parteien und starke rechtsextreme Strukturen haben zur Radikalisierung beigetragen.

Macht was für die Jugend!

Quent ist besorgt über die AfD-Sperrminorität in Thüringen und der defensiven Entpolitisierung der demokratischen Parteien zu einem destruktiven Wahlverhalten führt.  Besonders besorgen ihn die rechtsextremen Einstellungen unter jungen Menschen. “Ernst Bloch schrieb einst, die Kinder werden dem Muff nicht entzogen, sie nehmen ihn weiter auf und leiden so lange, bis sie selbst wie der Vater sind. Sie werden weder Demokratie noch Klima für uns retten.”

Den Blick aufs Ganze nicht verlieren

Es ist wichtig, dass wir uns nach der Wahl nicht in immer weitere Beißreflexe verfangen und den Blick aufs große Ganze verlieren. Nicht die falschen Lektionen lernen. Und hier müssen Regierung wie demokratische Opposition gleichermaßen dringend dazulernen. Damit es wieder der letzte Sieg bei einer Wahl für Faschisten bleibt.

Dienstag, 10. September 2024

Wahlen in Ostdeutschland - Links-grün wählt plötzlich CDU

Zu den Wahlen haben verschiedene Medien Lehren beschrieben.

Fünf Lehren aus den Wahlen

Florian Gathmann beschreibt im SPIEGEL fünf Lehren aus den Wahlen in Sachsen und Thüringen.

Die AfD ist die dominante Kraft in Ostdeutschland

Trotz aller Skandale und rechtsextremer Spitzenkandidaten verfügt die Partei künftig auch ohne Regierungsbeteiligung an einem enormen Einfluss. 

Das BSW ist aus dem Stand ein politischer Faktor:

Auch wenn sie programmatisch schwer zu fassen sind, ist das Bündnis entscheidend für die Regierungsbildung.

Die Linke ist selbst im Osten auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit:

Lange galt die Linke als die Ostpartei, doch nicht einmal Bodo Ramelow konnte den Niedergang aufhalten.

Die Regierungsbildung wird immer schwerer

Trotz stabiler CDU wird die Regierungsbildung in beiden Ländern schwierig. Neben der Zusammenarbeit mit der Wagenknecht-Partei ist in Thüringen wohl eine Tolerierung durch die Linke notwendig. 

Die Ampel hat in Ostdeutschland kaum mehr Rückhalt:

Die drei Ampelparteien kommen in beiden Ländern auf kaum mehr als 10 % - die FDP versinkt in der Bedeutungslosigkeit

Links-grün wählt plötzlich CDU

Der Fokus nennt sechs Punkte, die die Radikalität des Wahlergebnisses zeigt.

1. Die CDU bleibt stark – dank krasser Wählerwanderungen

Mehr als die Hälfte haben in beiden Ländern haben nur die CDU gestimmt, damit die AfD nicht noch mehr Einfluss erhalten.

2. Die AfD-Diskussionen und das BSW treiben die Wähler an die Urnen

Die Wahlbeteiligung in beiden Ländern zugenommen – das ist ein Erfolg.

3. Die Leib- und Magenthemen von AfD und BSW haben die Wahlen entschieden

Entscheidend für die Wahlen waren die Themen: soziale Sicherheit, innere Sicherheit und Zuwanderung.

4. Die Denkzettel-Wahl schrumpft die Ampel

Rund 60 % in beiden wollten der Bundesregierung einen Denkzettel verpassen

5. Das BSW schadet der AfD nur geringfügig

Das Bündnis Sahra Wagenknecht hat der AfD kaum geschadet, die meisten Stimmen kamen von den Linken, Nichtwählern und der CDU.

6. Keine Begeisterung für BSW-Regierung – aber kleineres Übel

Viele Menschen sehen eine Regierungsbeteiligung der Wagenknecht-Partei kritisch, sehen darin aber das kleinere Übel.

Sonntag, 8. September 2024

Wahlen in Ostdeutschland – Demokratie und Freiheit sind in Gefahr

Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk kommentiert in der Süddeutschen Zeitung die Wahlergebnisse in Thüringen und Sachsen: Er ist nicht überrascht, dass jede zweite Stimme auf Parteien entfielen, die für einen autoritären Staat stehen.

Gefahr für Freiheit und Demokratie

Das Verständnis von Frieden in Ost und West ist sehr unterschiedlich. Nicht nur Sahra Wagenknecht und die AfD, sondern auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer erweckten den Eindruck, dass die Frage von Krieg und Frieden in der Ukraine Tage in Dresden und Erfurt entscheiden. Der Autor ist erfreut, dass „nur“ die Hälfte für einen autoritären Staat, die Loslösung vom westlichen Verteidigungsbündnis, für ein Europa ohne die EU und für Putin gestimmt haben – das Potential ist höher. Er sieht Demokratie und Freiheit in großer Gefahr, Ostdeutschland ist für ein Laboratorium der Globalisierung.

Freiheitsschock für Ostdeutsche

Der Autor betonte, dass nur eine Minderheit 1989 eine Freiheitsrevolution in Gang setzte. Erst der Mauerfall endete die Situation: Die Menschen feierten den Sturz und votierten bei den ersten freien Wahlen für einen schnellen Weg zur Einheit, vor allem eine schnelle Einführung der D-Mark. Danach änderte sich das Leben schlagartig: Millionen mussten neue Tätigkeiten erlernen, in neuen Institutionen arbeiten, Millionen fanden überhaupt nie wieder einen Arbeitsplatz. Die Wiedervereinigung war eine Verlusterfahrung, in seinem Buch nannte er das Freiheitsschock.

Vom vormundschaftlichen SED-Staat zum Paternalismus von Kohl

Fast alle Menschen in der DDR waren faktisch Staatsangestellte. Das prägte die Kultur, Mentalität und Erwartungshaltung. Dem vormundschaftlichen SED-Staat folgte der Paternalismus von Kohl, Biedenkopf oder Stolpe, die Menschen bleiben vom Sozialstaat abhängig: als Empfänger von Sozialleistungen, Renten oder als Arbeitnehmer in staatlich subventionierten Betrieben.

Abwendung vom westlichen Staats- und Gesellschaftsverständnis

Der Osten stabilisierte sich und wuchs auch ökonomisch, dennoch wendeten sich immer mehr Menschen vom westlichen System ab. Dafür sieht der Autor eine ganze Reihe von Gründen: eine stark überalterte Gesellschaft, einen hohen Männerüberschuss, die Abwanderung von Millionen mobiler Menschen, eine nicht mehr intakte Infrastruktur (Kultur, Gesundheit, Verkehr, vor allem im ländlichen Raum), die digitale Revolution und die Ansiedlung von Migranten.

Verklärte Vergangenheit

Dies führte zu einer Verlustangst und einer Verklärung der Vergangenheit: Die DDR wird so für viele immer schöner – das größte Freiluftgefängnis Europas nach 1945. Der wirtschaftliche Aufschwung änderte nicht das Staats- und Gesellschaftsverständnis: Der Staat hat für alles zu sorgen. Viele Ostler fremdeln mit der repräsentativen Demokratie und der Freiheit. Die repräsentative Demokratie kann nur mit einer starken Zivilgesellschaft funktionieren – diese gibt es außerhalb urbaner Zentren bis heute kaum.  

AfD und BSW als Geschwister im Geiste

Diese Haltung ist ein Grund für die Erfolge für AfD und BSW, die für einen autoritären Staat und die Abwehr vom Westen steht. Lange gab es einen besonderen Russe-Hass, mit der Nähe zu Putin machten man den Feind ihres Feindes zum Freund. AfD und BSW sind für den Autor Geschwister im Geiste – ihre Differenzen in der Sozialpolitik sind unerheblich im Vergleich zu ihren Gemeinsamkeiten in staats-, gesellschafts- und außenpolitischen Fragen. Eine Koalition mit beiden lehnt Kowalczuk ab.

BSW als straff organisierte Kaderpartei

Mit der Partei von Sahra Wagenknecht geht Kowalczuk hart ins Gericht. Er bezeichnet sie als „straff organisierte Kaderpartei mit wenigen Mitgliedern nach Lenins „Partei neuen Typus“ mit dem Ziel, eine „Diktatur der Mehrheit“ zu errichten. Wer mit dem BSW koaliert, stellt die Westbindung, die Nato-Mitgliedschaft und die Freiheit der Ukraine, also unsere Freiheit, zur Disposition und macht sich zum Komplizen eines kurzen Weges nach Osten.“

Freitag, 6. September 2024

Wie Faschismus beginnt

Eine Titelgeschichte im SPIEGEL  beschäftigt sich mit der Frage, wie Faschismus beginnt. In vielen Ländern fordert ein rechter Populismus die Demokratie heraus: Woher die Faszination für das Autoritäre? Sind es Ewiggestrige, die da die Gegenwart bedrohen, oder braucht es einen neuen Begriff? Das F-Wort ist wieder da und erzwingt eine weltweite Debatte.

Rückfall in den Faschismus als Urangst der modernen Gesellschaft

Der Faschismusvorwurf hat seit dem Zweiten Weltkrieg zum rhetorischen Arsenal der extremen Linken gehört. Die Baader-Meinhof-Gruppe begründete ihren »bewaffneten Kampf« damit, dass die BRD ein faschistischer Polizeistaat sei. Was bisher als hysterisch klang, ist inzwischen ernst und real: Wladimir Putins imperiale Ambitionen, Modi in Indien, Javier in Milei. In Europa gibt es zahlreiche Akteure: Giorgia Meloni in Italien, Marin Le Pen, Viktor Orban, die FPÖ in Österreich, Geert Wilders in den Niederlanden, die AfD in Deutschland und nicht zuletzt Donald Trump in den USA:

Wiederholt sich Geschichte? Gibt es einen neuen Faschismus? Helfen historische Analogien? Was ist schiefgelaufen? Und könnte es sein, dass die Demokratie half, ein Monster zu erschaffen, vor dem sie selbst am meisten erschrickt? In der Titelgeschichte kommen verschiedene Experten zu Wort, die ich an hier vorstelle.

Robert Kagan: So kommt der Faschismus nach Amerika

Robert Kogan war lange Zeit Vordenker der Neokonservativen und unterstützte die Bushs Kriege im Irak und Afghanistan und verteidigt bis heute die Idee eines amerikanischen Interventionismus und die globale Führungsrolle der USA. Kagan arbeitet inzwischen für den liberalen Thinktank The Brookings Institution. Bereits 2016 schrieb er über Trump: So kommt der Faschismus nach Amerika, nicht mit Springerstiefeln und militärischem Gruß

Freiheit ist schwierig. Sie gibt dem Menschen Raum, aber sie lässt ihn auch allein.
Der lange Aufschwung freiheitliche Demokratie war nicht unvermeidlich, sondern das Ergebnis von Kämpfen wie der Zweite Weltkrieg, der im Namen der Freiheit eine komplett neue bessere Welt erschuf. Die Freiheit muss immer weiter verteidigt werden: Kein Naturgesetz schützt die Demokratie vor jemandem wie Trump oder vor dem Faschismus oder vor den christlichen Nationalisten, die auf Trump setzen.

Zerstört Trump das System?

In seinem neuen Buch „Wie der Antiliberalismus Amerika wieder gespalten“ beschreibt Kagan den christlichen, weißen Nationalismus in Amerika als Gegenentwurf zur liberalen Demokratie. Das Ziel: ein christlich geprägtes Land, dem die Bibel wichtiger ist als die Prinzipien der Unabhängigkeitserklärung und der Verfassung.
Kagan befürchtet, dass Trump das System zerstören könnte. Er könnte das Justizministerium nutzen, um sich an seinen Feinden zu rächen und die Immigrationspolitik zu militarisieren.
Kritiker sagen, dass Kagan als Neokonservativer zum Trumpismus beigetragen hat und nun als Teil einer antifaschistischen Koalition von der eigenen Rolle ablenken will. Kagan selbst gefällt die Bezeichnung als „gefährlichsten Intellektuellen Amerikas“-

Jason Stanley: Wie Faschismus funktioniert

Jason Stanley ist ein liberaler Linker und kommt dennoch zu ähnlichen Ergebnissen.
Vor sechs Jahren hat Stanley in den USA ein Buch veröffentlicht, das den Titel »Wie Faschismus funktioniert« trägt.
Für Stanley ist moderner Faschismus „ein Führerkult, der einer gedemütigten Nation die Wiedergeburt verspricht. Gedemütigt, weil Einwanderer, Linke, Liberale, Minderheiten, Homosexuelle, Frauen die Medien, die Schulen, die kulturellen Institutionen übernommen hätten. Faschistische Regime beginnen als soziale und politische Bewegungen und Parteien und sie werden eher gewählt, als dass sie sich an die Macht putschen.

Stanley beschreibt zehn Merkmale des Faschismus.
•    Erstens: Jede Nation hat ihre Mythen, ihre Verklärung einer schönen Vergangenheit. Die faschistische Version eines nationalen Mythos aber braucht Größe und Macht.
•    Zweitens: Faschistische Propaganda stellt den politischen Gegner als Bedrohung für die eigene Existenz und eigene Traditionen dar. »Sie« gegen »uns«.
•    Drittens: Der Führer legt fest, was wahr und was falsch ist. Wissenschaft und Wirklichkeit fordern seine Autorität heraus. Komplexe Perspektiven sind eine Bedrohung.
•    Viertens: Der Faschismus lügt. Die Wahrheit ist das Zentrum der Demokratie. Die Lüge ist der Feind der Freiheit. Wer belogen wird, kann nicht frei wählen. Wer der Demokratie das Herz herausreißen will, muss die Menschen an die Lügen gewöhnen.
•    Fünftens: Faschismus baut auf Hierarchien, und das sind die größten Lügen. Rassismus ist eine Lüge, keine Gruppe ist besser als die andere. Keine Religion, keine Ethnie, kein Geschlecht.
•    Sechstens: Wer an die Hierarchien glaubt und an seine eigene Überlegenheit, kann leicht nervös werden und Angst bekommen. Faschismus erklärt seine Anhänger zu Opfern der Gleichheit. Weiße Amerikaner Opfer der Gleichberechtigung der schwarzen Amerikaner. Männer Opfer des Feminismus.
•    Siebtens: Der Faschismus sorgt für Recht und Ordnung. Was Recht und Ordnung ist, bestimmt der Führer. Und er bestimmt auch, wer dagegen verstößt, wer Rechte hat und wem sie entzogen werden.
•    Achtens: Der Faschismus hat Angst vor Sexualität. Faschisten schüren Ängste vor trans Menschen, vor Homosexuellen, die nicht einfach nur ihr eigenes Leben führen, sondern das Leben der »Normalen« zerstören wollen und es auf ihre Kinder abgesehen haben.
•    Neuntens: Der Faschismus hasst die Städte. Es sind Orte der Dekadenz, der Eliten, der Einwanderer, der Kriminalität.
•    Zehntens: Der Faschismus glaubt, dass Arbeit frei macht. Minderheiten und Linke sind von Natur aus faul.
Treffen alle Punkte zu, werde es eng, sagt Stanley. Der Faschismus erkläre den Menschen, dass ihnen ein existenzieller Kampf bevorstehe: Deine Familie ist in Gefahr. Deine Kultur. Deine Traditionen.
Er verweist auf den Ku-Klux-Klan als erste faschistische Bewegung und hält es für dumm, anzunehmen, dass diese faschistische Tradition einfach so wieder verschwunden ist.«

Timothy Snyder: Putin und Trump sind Faschisten

Timothy Snyder gehört zu den wichtigsten Intellektuellen Amerikas. Er wurde bekannt durch sein Buch „Über Tyrannei“ und seine Vorhersagen über die militärische Interventionen Russlands, die ihm den Ruf als Kassandra einbrachte.

Snyder bezeichnet Putin und Trump als Faschisten. Der Unterschied: Der eine ist an der Macht. Der andere nicht. Der Faschismus erscheint nicht so, wie sich viele wünschen, er hat paradoxe Züge, dennoch erscheint ihm der Begriff zum Verständnis von Geschichte und Gegenwart eine wichtige Kategorie. 

Putin führt Krieg aus faschistischen Motiven

Putin führt seinen Krieg aus faschistischen Motiven: Gegen ein Land, dessen Bevölkerung angeblich minderwertig ist, gegen einen Staat, den es angeblich nicht gibt. Es gibt einen Kult um einen Führer, einen Kult um die Toten vergangener Schlachten, einen Mythos von einem goldenen Imperium, das wieder errichtet werden müsse durch einen Krieg mit heilender Gewalt.
Putins Faschismus hat auch postmoderne Züge, alles kann zur Wahrheit werden. Zum Beispiel, dass die Ukrainer Nazis seien und Juden und Schwule. Die Entscheidung darüber, was Wahrheit ist und wer sie bestimmt, falle auf dem Schlachtfeld.
Das Paradoxe ist, dass Putin im Namen des Antifaschismus handelt. Russlands Feinde sind immer Faschisten. Ein Sieg Putins wäre mehr als das Ende der demokratischen Ukraine. Wenn die Ukraine nicht gewinnt, erwarten uns Jahrzehnte der Dunkelheit.«

Amerikas Demokratie verfällt dem Irrationalismus

Im Falle eines Wahlsiegs von Trump befürchtet Schlimmes. Die Wirtschaft würde kollabieren, Institutionen wie das FBI oder die Armee von Konflikten zerrissen.
Wie aber ist der Aufstieg Trumps möglich gewesen? Wie kann es sein, dass eine Demokratie derart dem Irrationalismus verfällt?

•    Erstens, sagt Snyder, beruhe Trumps Karriere auf einem Bluff. Er sei nie ein erfolgreicher Geschäftsmann gewesen. Er wisse, was man tun müsse, um die Leute zu erreichen, was wiederum eine gute Voraussetzung sei für einen angehenden charismatischen Führer.
•    Zweitens: Soziale Medien beeinflussten unsere Fähigkeit zur Erkenntnis. Sie nehmen uns die Fähigkeit auf sinnvolle Art und Weise Argumente auszutauschen. Sie machen uns ungeduldiger, alles ist nur schwarz oder weiß. Sie bestätigten uns darin, recht zu haben, auch wenn objektiv falsch ist, was wir denken. Sie produzieren einen Kreislauf der Wut. Wut bestätigt Wut. Wut produziert Wut.
•    Drittens: Die Marxisten der Zwanziger- und Dreißigerjahre glaubten, der Faschismus sei nur eine Variante des Kapitalismus. Aber das stimme nicht: Sie hätten die Machtergreifung Hitlers unterstützt, aber nichts von den Ideen gehalten. Heute passt die Diagnose besser. Einer dieser neuen Oligarchen sei Elon Musk. »Er ist die Nummer eins. Niemand hat in den vergangenen anderthalb Jahren so viel dafür getan, dass der Faschismus auf dem Vormarsch ist.« Er habe Twitter beziehungsweise X enthemmt, die Plattform sei noch emotionaler geworden, noch offener für alle Arten von Dreck, erst recht für russische Propaganda. Musk nutze seine Plattform, um selbst übelste Verschwörungstheorien zu verbreiten.
Wie Robert Kagan glaubt auch Snyder, dass die Demokratien die Gefahr des Faschismus unterschätzt hätten, weil sie sich lange für alternativlos hielten.

Paus Mason „Faschismus – und wie man ihn stoppt“

Paul Mason ist ein britischer Intellektueller und Aktivist. Sein Buch „Faschismus. Und wie man ihn stoppt“ ist eines seiner bekanntesten, dunkel, alarmistisch, kämpferisch.

Für Mason ist Faschismus die Furch vor der Freiheit. Die faschistischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts waren eine Reaktion auf die Erfolge der Arbeitnehmer. Heute hat der Neoliberalismus die Nachkriegsgesellschaften aufgelöst und die Macht von Gewerkschaften und er Arbeiterschaft gebrochen. Gleichzeitig gebe es den Aufstieg der Frauen und die Pluralisierung der westlichen Gesellschaften.

Masons „faschistischer Prozess“

Mason sieht einen „faschistischen Prozess“, der von Dynamik lebt und nicht von komplizierten Ideologien.

•    Am Anfang stehe eine tiefe Krise, damals etwa der verlorene Erste Weltkrieg für die Deutschen, heute die Krisen der letzten Jahre: Weltfinanzkrise, Migration, Corona, Klimawandel.
•    Daraus ergebt sich in tiefes Gefühl der Bedrohung und der Verlust der Souveränität.
•    Unterdrückte Gruppen lehnen sich auf: Frauen, Klimaschützer, Black-Lives-Matter-Aktivisten. Menschen, die versuchen, angesichts der Krise einen Weg in die Zukunft zu finden.
•    Darauf beginnt viertens ein Kulturkampf.
•    Fünftens tauche eine faschistische Partei auf.
•    In den Mittelschichten gibt es Panik, da sie nicht wissen, ob sie ihren Ängsten vor dem Abstieg oder denen vor der radikalen Rechten nachgeben sollten.
•    Siebtens werde die Rechtsstaatlichkeit ausgehöhlt in der Hoffnung, das werde die Konflikte befrieden.
•    Achtens zerstreite sich die geschwächte Linke entlang der Frage, mit wem man Bündnisse eingehen müsse, um die radikale Rechte zu bekämpfen.
•    Die Konservativen stehen vor der Frage, inwieweit man der radikalen Rechten entgegenkommen könne, um sie einzuhegen. Wenn es so weit sei, schlage die Stunde des Faschismus.
•    Punkt zehn: das Ende der Demokratie. Die faschistischen Kader bilden die gesellschaftliche Elite.
Das klingt etwas schematisch, dennoch gibt es einige Aspekte: Ist nicht das Gefühl, dass die Regierung die Grenzen nicht mehr kontrollieren kann, bis tief in die Mitte der Gesellschaft verbreitet? Die Angst vor der Impfpflicht? Vor »Gender-Gaga«, dem Lieblingsfeind der Rechten, zusammen mit dem Selbstbestimmungsgesetz, den Klimaklebern und den Menschen, die gegen Rassismus kämpfen? Den Kulturkampf gibt es, er tobt bereits. Wir stecken mittendrin in Masons Faschisierungsprozess.

Auch Mason verweist auf das Internet, in dem solche Fantasien entwickelt und der Prozess befeuert werden: Die Angstlust auf den Weltuntergang, der Traum wieder eine nationale Größe zu werden oder die Vorstellung, dass unsere Welt unaufhaltsam auf einen ethnischen Bürgerkrieg zusteuere.

Thomas Biebricher -Mitte/Rechts

Thomas Biebricher beschäftigt sich mit Konservativismus.
In seiner Studie „Mitte/Rechts“ zeigt er, dass die Erfolge der CDU mittlerweile eine Ausnahme sind. In anderen Ländern wie Italien oder Frankreich konnte der rechte Rand nicht mehr integriert werden, das konservative Lage hat sich nahezu aufgelöst-
Den Begriff „Faschismus“ verwendet Biebricher nicht, da man analytisch nichts gewinnt und politisch sofort die maximale Eskalationsstufe zündet.

Er sieht im Konservatismus neben Sozialismus und Liberalismus als eine der großen politischen Strömungen. Konservatismus wolle möglichst viel vom Bestehenden erhalten. Durch die massiven Veränderungen der letzten Jahre gehe das Prinzip der pragmatischen Verlangsamung nicht mehr auf. Ein Teil fantasiere sich die Vergangenheit herbei, die es nie gab: Marke America Great Again. Die radikalen autoritären Konservativen versuchen das System umzubauen oder zu stürzen.


Natascha Strobl – Gewalt allerorten

Die österreichische Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl betont, dass faschistische Bewegungen mit Gewalt verbunden sind. Waren es im letzten Jahrhundert Schlägertrupps, findet die Gewalt heute im Netz statt. Leute sehen sich im weltweilten Bürgerkrieg gegen Kulturmarxismus oder den Großen Austausch. Allen Skandalen zum Trotz könnte die FPÖ Ende September in Österreich stärkste Partei werden.

Jan-Werner Müller: Rechtsextremer Populismus

Jan-Werner Müller lehrt an der Princeton University in New Jersey. Von ihm stammt eine der einflussreichsten Populismus-Theorien.
Müller nennt Faschismus „die größte Pistole im Waffenschrank des demokratischen Diskurses“. Als Kategorie zur Analyse der Gegenwart taugt sie aber nicht. Der historische Faschismus hingegen basiert auf den Gewalterfahrungen des Ersten Weltkriegs und der Entwurf einer Gegenmoderne.  
Mit der heutigen Entwicklung hat dies wenig zu tun. Diese nennt er rechtsextremen Populismus, der alle politischen Fragen auf Fragen der Zugehörigkeit reduziere und die Gegner zur Bedrohung erkläre, zu Feinden gar. Eine Bewegung, die ein Zurück will, eine Bewegung ohne Utopie.

Umgang mit der populistischen Bedrohung

Für den Umgang von Demokraten mit der populistischen Bedrohung sieht er zwei Extreme, die beide falsch sind. Das Extrem totaler Ausschluss, da dies das Narrativ bestätigt, dass sie ignoriert werden. Das andere Extrem ist das Monopol über Sorgen und Nöte zu geben. Das führe nur dazu, dass man Positionen legitimiere und ihnen nachlaufe. Müller nennt diesen Weg das »Mainstreaming des Rechtsextremismus – eine Entwicklung, die man so gut wie überall in Europa beobachten kann«.
Der richtige Weg ist für Müller „mit ihnen, aber nicht wie sie reden.“ Man kann über Einwanderung diskutieren, aber nicht über Verschwörungstheorien. Müller nennt das selbst einen leicht paternalistischen, pädagogischen Ansatz, aber der sei in einer Demokratie ja nicht verboten. Zumal Streit darüber, wo genau die roten Linien verlaufen, die Demokratie auch stärken könne.

Autoritäre Systeme nicht unterschützen

Die Demokratien dürfen autoritäre Systeme nicht unterschützen, da auch sie dazulernen wie Viktor Orban. Er nennt sein Regime „illiberale Demokratie. Wahlen ja, aber eben auch das Untergraben von Medienpluralismus und demokratischen Grundrechten wie Meinungs- und Vereinigungsfreiheit.
Für den Umgang mit der AfD fordert er ein differenziertes Vorgehen: Statt eines Verbots der ganzen Partei könnte gegen einzelne Organisationen und Politiker vorzugehen.

Philip Manow: Die Bestimmung der liberalen Demokratie und ihrer Freunde

Philip Manow ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Siegen. In seinem Buch „Unter Beobachtung. Die Bestimmung der liberalen Demokratie und ihrer Freunde“ sieht er das Problem nicht im Populismus, sondern die liberale Demokratie selbst.

Manow sieht im Populismus eine Gegenreaktion auf die illiberale demokratische Antwort auf einen zunehmenden undemokratischen Liberalismus. Er kritisiert, dass der politische Kampf zunehmen in das Rechtssystem getragen werden. Statt auf das rechtliche sollte wieder stärker auf das elektorale Prinzip gesetzt werden. In einem politischen Gemeinwesen lebten Menschen mit unterschiedlichen Meinungen, Überzeugungen, Werten. Der Wettbewerb der Parteien, der Wettbewerb an der Wahlurne und im öffentlichen Diskurs, sei der entscheidende Stabilitätsmechanismus der Demokratie. Die liberale Demokratie produziere ihre Krise, die elektorale Demokratie prozessiere die Konflikte. Beim Umgang mit Populisten mahnt er zur Gelassenheit. Wähler werden nicht ihrer eigenen Entmachtung zustimmen. Polen zeigt, dass man Populisten abwählen kann und auch Trumps Wiederkehr ist nicht sicher.


Ivan Krastev - Politik ist das Management von Panik

Ivan Krastev ist ein bulgarischer Politologe und Politikberater und gilt als einer der interessantesten Denker des Kontinents.
Europäischen Gesellschaften überaltern, die Geburtenraten sind rückgängig, es gibt eine Angst vor dem Verschwinden. Durch Migration verändern sich die Verhältnisse. Die rassistischen Fantasien, die sich daraus entwickeln, könnte man, sagt Krastev, durchaus auch als einen neuen Faschismus deuten, als Faschismus des 21. Jahrhunderts.

Endzeitstimmung in westlichen Gesellschaften

Die Endzeitstimmung in den Gesellschaften ist schwierig für eine Demokratie. Zwar habe die Demokratie auch keine wirkliche Idee für die Zukunft, aber sie will auf jeden Fall verhindern, dass die Vergangenheit zur Zukunft wird. Er nennt es den Vertigo-Moment, was für Höhenangst und die Angst vor dem Sturz in die Tiefe.

Faschismus beruht auf Angst

Der Faschismus des 20. Jahrhunderts beruhte auf der Furcht vor den bösen anderen, den Kommunisten, den Juden, den Feinden. Der Faschismus des 21. Jahrhunderts beruht auf Angst. Angst ist unbestimmter als Furcht: Es gebe keinen klaren Angreifer, sie sei in einem selbst, und auf eine gewisse Art und Weise sei es auch die Angst vor sich selbst. Die Aufgabe von Politik ist das Management von Panik.

Faschismus – einfach zu definieren, schwierig zu erkennen  

Die Situation in verschiedenen Ländern lässt viele ratlos zurück. Ivan Krastow zitiert einen amerikanischen Richter „Er könne Pornografie zwar nicht definieren, »aber ich erkenne sie, wenn ich sie sehe«. Mit dem Faschismus, sagt Krastev, sei es genau umgekehrt: einfach zu definieren, aber schwierig zu erkennen, wenn man ihn sieht.“
Das »F-Wort«. F wie in Faschismus oder wie in »Fuck you«. Man darf, das hat ein Gericht in Meiningen verfügt, Höcke einen Faschisten nennen. Die Frage bleibt, was man davon hat.

Freitag, 23. August 2024

Wahlsystem - Radikale Minderheiten in den USA - Der Mehrheit die Macht!

Steven Levitsky und Daniel Ziblatt wurden bekannt durch das Buch „Wie Demokratien sterben“. Im neuesten Buch „Tyrannei der Minderheit“ setzen sie sich mit dem Wahlrecht der USA auseinander. In der ZEIT beschreibt Steven Levitsky die wichtigsten Punkte.

Versprechen und Gefahr der Demokratie in 24 Stunden

Am 5. Januar 2021 gingen in Georgia so viel Menschen wie nie zuvor zu einer Wahl, um den ersten afroamerikanischen und den ersten jüdischen Senator ihres Staats zu wählen. Am nächsten Tag versuchte Donald Trump einen Staatsstreich. Innerhalb von 24 Stunden wurde die Versprechen und die Gefahr der amerikanischen Demokratie vor Augen geführt.

Die Mängel der Verfassung gefährden die Demokratie

In den letzten Jahren gab es einen massiven demokratischen Rückschlag. Reaktionäre Wähler sind in den USA und Europa in der Minderheit. Dennoch gelang es der Republikanischen Partei unter Trump, an die Regierung zu kommen. Das Problem liegt an der Verfassung – die viele Amerikaner verehren. Als Produkt einer vordemokratischen Zeit erlaubt es die US-Verfassung parteilichen Minderheiten, die Mehrheit zu behindern und manchmal sogar zu regieren.

Parteiliche Schieflage

Die Gründerväter hatten nicht die Absicht, ein System der Minderheitsherrschaft zu schaffen; sie sahen nicht einmal die Entstehung von Parteien voraus. Ursprünglich sollten kleine Bundesstaaten mit geringer Bevölkerung geschützt werden. Zwei Faktoren änderte sich: Durch die Ausdehnung der USA nahm die Asymmetrie zischen großen und kleinen Bundesstaaten zu, zum anderen die Urbanisierung. Was als Schieflage zugunsten von Kleinstaaten begonnen hatte, wurde zur Schieflage zugunsten ländlicher Staaten. Im 21. Jahrhundert sind die Republikaner vor allem die Partei spärlich besiedelter Regionen, während die Demokraten die Partei der Städte sind. Infolgedessen ist die Schieflage der Verfassung zugunsten kleiner Bundesstaaten zu einer parteilichen Schieflage geworden.

Drei Pfeiler einer Minderheitsherrschaft

Die Vereinigten Staaten laufen Gefahr, in eine Minderheitsherrschaft abzugleiten. Dabei unterscheidet der Autor zwischen drei Pfeilern.

  • Der erste Pfeiler ist das Wahlmännerkollegium, das die direkte Wahl auf zweierlei Weise verzerrt. Zum einen durch das Prinzip, dass der Sieger alle Stimmen des Bundesstaats bekommt. Dies wird zum Problem, wenn der Verlierer der Direktwahl den Sieg davon tragen kann.
  • Ein zweiter Pfeiler der Minderheitsherrschaft ist der US-Senat. Dünn besiedelte Bundesstaaten mit zusammen weniger als 20 Prozent der US-Bevölkerung können eine Senatsmehrheit bilden. Nur 11 % der Bevölkerung reichen aus, um den Senat zu blockieren.
  • Ein dritter Pfeiler der Minderheitsherrschaft ist der Oberste Gerichtshof. Sie können von einem Präsidenten ohne Mehrheit und einer Senatsmehrheit, die nur eine Minderheit präsentieren, gewählt werden.

Ein offensichtliches Beispiel für die Auswirkungen ist das Thema Abtreibung. 2022 hat der Oberste Gerichtshof das von der Verfassung geschützte Recht auf Abtreibung gekippt und die Frage an den US-Kongress und die Staatsparlamente verwiesen. Nach Umfragen will die Mehrheit, dass Abtreibung in den meisten Fällen legal sein sollte.

Die Hürden für Veränderung sind hoch

Veränderungen sind schwierig, dennoch sieht der Autor einige Elemente.

  • Alle Wähler sollen wählen dürfen, dafür sollen bestehende Einschränkungen wie stundenlanges Anstehen beendet werden.
  • Der Wahlausgang soll dem Mehrheitswillen entsprechen, deshalb soll das Wahlmännergremium abschaffen und den Senat reformieren.
  • Parlamentsmehrheiten sollen mehr Macht haben, dazu sollen das Filibuster abgeschafft und Verfassungsänderungen erleichtert werden.

Der Autor fordert eine breite politische Debatte und eine demokratische Reformbewegung. „Es ist an uns, eine wahrhaft multiethnische Demokratie aufzubauen. Künftige Generationen werden Rechenschaft von uns verlangen.“

Dienstag, 20. August 2024

Wahlsystem - Die Kraft des Wahlrechts

Wolfgang Janisch und Stefan Kornelius analysieren in der Süddeutschen Zeitung mit einem Blick auf verschiedene Systeme die Kraft des Wahlrechts.

Mehrheitswahlrecht führt zu schnellem Wechsel

Die Wahlen in Großbritannien führten zu einem schnellen Wechsel. Die Labourpartei errang fast 63 Prozent der Sitze, ein Tag nach der Wahl übernahm Keir Starmer die Regierungsgeschäfte. Dabei hat Labour nur ein Drittel der Stimmen gewonnen. In Deutschland folgen auf die Stimmabgabe oft lange Verhandlungen. Das zwingt zu Kompromissen, wenn es einigermaßen gut läuft, und führt zu mittigem Gewürge, wenn es schiefgeht.

Viele Briten wünschen sich ein anderes Wahlsystem

Der klare Wechsel sorgt aber nicht immer für Stabilität. Die Konservativen verfolgten in den letzten 14 Jahren eine immer radikalere Agenda – die Mehrheit gab es, aber kein inhaltliches Korrektiv. Auch deshalb gibt es immer wieder Forderung nach einer Änderung des Wahlrechts. Übertragen auf Deutschland könnte dieses Wahlsystem bei knappem Vorsprung für einen Erdrutschsieg sorgen.

Welches System garantiert demokratische Stabilität?

Klassischerweise unterscheidet man zwischen Mehrheitswahl und Verhältniswahl – wobei es in der Praxis zahllose Varianten und Mischsysteme gibt. Das Mehrheitswahlrecht belohnt den Sieger und ermöglicht stabile Regierungen. Das Verhältniswahlrecht bildet Präferenzen möglichst präzise ab. Es erscheint gerecht, weil es den Wählerwillen mit mathematischer Exaktheit in Mandate übersetzt.

Französische Wahlsystem mit reflexivem Element

In Frankreich werden die Wähler durch zwei Wahlgänge zur Fokussierung gezwungen. Im ersten Wahlgang hatten die Franzosen nach Präferenz gewählt, im zweiten ein klares Votum gegen die Partei von Le Pen gesetzt. Sie stimmten als Staatsbürger mit dem Blick fürs Gemeinwesen. Die Partei von Le Pen gewann zwar auch im 2. Wahlgang 32 % der Stimmen, aber nur etwa 22 % der Sitze gewonnen hat. Sie stimme

Was bitte ist schon gerecht?

Man sollte die Idee eines „gerechten“ Wahlsystems nicht überschätzen. Beim Verhältniswahlrecht bekommen kleine Parteien oft ein großes Gewicht und könnten Entscheidungen zugunsten ihrer Klientel durchsetzen. Es gibt kein ideales Wahlsystem, sondern nur Stärken und Schwächen, die je nach politischer Struktur hervortreten können.
Das Verhältniswahlrecht repräsentiert die Wählerschaft am besten, zwingt aber in der Regel zu kompromisshaftem Regieren in einer Koalition. Zwar können sich Kompromisse als kluge Lösung erweisen, politische Entscheidungen können aber nicht mehr zugeordnet werden.

Ein Dämpfer für die Extremen

Das Verhältniswahlrecht kann extreme Ausschläge dämpfen. Eine Polarisierung zwischen demokratischen Kräften kann demokratiefordernd sein. Problematisch wird es, wenn demokratiefeindliche Kräfte im Spiel sind. Beispiel hier die USA 2016 als eine TV-Berühmtheit namens Donald Trump den Wahlprozess kaperte und Zug um Zug das System auf seine Persönlichkeit zuschnitt.

Historische Erfahrungen spielen eine entscheidende Rolle

Letztlich lässt sich die Frage nach dem richtigen Wahlsystem nur mit Blick auf ein konkretes Land und die Mentalität beantworten. In Frankreich spiegelt die Stichwahl den klassischen Entscheidungszwang zwischen zwei Lagern wider – die Rechte und die Linke. In Deutschland ist aus dem Mehrheitswahlrecht im Kaiserreich eine Verhältniswahl erwachsen – besonders die Sozialdemokraten sahen 1919 darin eine Chance auf mehr Gerechtigkeit. In der Bundesrepublik verhinderte die Fünf-Prozent-Hürde eine Zersplitterung. Die Mehrheit der Bevölkerung will bei dem System bleiben, aber mit Unterschieden zwischen den Parteien: Die höchste Präferenz für klare Mehrheitsverhältnisse findet sich bei den AfD-Wählern.

Freitag, 16. August 2024

Demokratie: Die Mehrheit kann zur Minderheit werden

In der Süddeutschen Zeitung setzt sich Maximilian Steinbeis kritisch mit Philip Manow auseinander. Manow hatte in seinem Buch „Unter Beobachtung – Die Bestimmung der liberalen Demokratie und ihrer Freunde“ weniger Verfassungsrecht und mehr Macht für die Mehrheit gefordert. Maximilian Steinbeis, Jurist und Chefredakteur des „Verfassungsblogs“ ist ganz anderer Meinung. „So wirft man sie dem autoritären Populismus zum Fraß vor.“

Die liberale Demokratie und ihre Feinde

Die liberale Demokratie jagt ihre Feinde wie der Hund den eigenen Schwanz. Je mehr Kontrollen im politischen Raum entstehen, umso größer wird der Widersand, desto größer das Bedürfnis die Kontrollen zu verstärken. Für Philip Manow ist die Demokratie nicht notwendigerweise liberal, sondern ein interessengebundenes Phänomen. Das Aufbegehren gegen diese Kontrolle muss sich die Politik selbst zuschreiben.

Verfassungsgerichte als Garant der Transformation

In den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde die Demokratie zum globalen Standard. Im Zuge dieses Prozesses wurde die Verfassungs-Verrechtlichung der Maßstab einer erfolgreichen Demokratisierung. Ein robustes Rechtssystem, bewacht von selbstbewussten Verfassungsgerichten, schien ein notwendiges Mittel, um Transformation zu ermöglichen. Der Liberalismus als politisches Programm wurde kaum mehr herausforderbar, ohne die Institutionen der Verfassung selbst zum politischen Gegner zu erklären. Der Preis der Liberalisierung ist der autoritäre Populismus, von Viktor Orbán über Giorgia Meloni bis zur AfD.

Liberale Demokratie kein zeitloser Wert

Der Autor stimmt Manow zu, dass die liberale Demokratie nicht zu einem zeitlos gültigen Wert verklärt werden sollte. Auch er hält nicht von stumpfen Checklisten-Metrik, die viele erstellen. Die liberale Demokratie ist nicht das, was eintritt, wenn sich nur endlich Vernunft und Redlichkeit durchsetzen, als End- und Ruhezustand einer wohlgeordneten politikbefreiten Gesellschaft.
Er bestreitet aber die Schlussfolgerung Manows, der autoritären Populismus als Gespenst der liberalen Demokratie bezeichnet. Mit weniger Verfassungsrecht und mehr Mehrheit werden die Probleme nicht zu lösen sein.

Demokratie heißt, dass Parteien Wahlen verlieren

Der Autor zitiert die Definition des Politologen Adam Przeworski: Demokratie heißt, dass Parteien Wahlen verlieren. Mehrheiten werden zu Minderheiten und umgekehrt. Solange das funktioniert, hat niemand Interesse die Macht der Mehrheit zu missbrauchen. Die Bereitschaft, Wahlen zu verlieren, fehlt den autoritär-populistischen Feinden der liberalen Demokratie völlig. Beispiele sind Viktor Orban nach seiner Wahlniederlage 2002 und der Sturm aufs Kapitol in den USA:

Das „wahre Volk“ repräsentieren?

Für autoritäre Populisten sollen Verfahren und Institutionen der Demokratie das „wahre Volk“ repräsentieren. Wenn sie dieses identitäre Spiegelbild nicht liefert, dann stimmt mit ihr etwas nicht, und umso lauter fordern die autoritären Populisten die Macht für sich, die Demokratie zu reparieren, auf dass sie wieder liefert, was sie liefern soll. In der Opposition nutzen sie die Möglichkeit Entscheidungen zu blockieren, an der Macht versuchen sie, die Demokratie zubauen. Auch dafür sind Orban und möglicherweise bald Trump Beispiele dafür.

Zentrale Rolle des Verfassungsrechts

Oft versuchen Populisten die Justiz unter Kontrolle zu bringen. Sie stehen ihrer autoritären Machtergreifungen im Weg – auch hierfür gibt es viele Beispiele. Für Steinbeis geht es bei diesem Konflikt nicht nur um die liberale Demokratie, sondern die Demokratie überhaupt. Dies fehlt in Manows Analyse. Mit seinem Liberal-illiberal-Aktions-Reaktions-Schema macht Manow stattdessen die Institutionen des liberalen Rechtsstaats, die für die Resilienz der Demokratie gegenüber der autoritär-populistischen Strategie entscheidend sind, zu einer Ursache und damit zu einem Teil des autoritär-populistischen Problems. Zu dessen Erklärung trägt das nur ziemlich wenig bei – und zu dessen Lösung überhaupt nichts.

Dienstag, 13. August 2024

Demokratie: Wird Politik durch Recht ersetzt?

Die Thesen von Philip Manow werden derzeit kontrovers diskutiert. In seinen Büchern thematisiert er die Defizite vieler Demokratien, auch der deutschen. Seine These: Das Aufkommen des Populismus sei Folge dieser Defizite.
In einem SPIEGEL-Interview kritisiert er, dass Deutschland Politik durch Recht ersetzt wird.

Populismus als Zeichen für Probleme von Demokratien

Er sieht in Populisten nicht das Problem, sondern nur ein Zeichen, dass die Demokratie ein Problem hat. Er interpretiert den Populismus als Reaktion auf die Globalisierung, zunächst die ökonomischen Schocks wie die Finanz- und Euro-Krise, dann die Migration

Schwächeren Verfassungsschutz

Den mächtigen Verfassungsschutz in Deutschland gesteht er aus historischen Gründen gute Absichten zu, er hält ihn aber auch für einen Grund für die Abwehrhaltung vieler und damit einer Schwächung der Demokratie. Er hat wenig Sorgen, dass die Wähler Demagogen wählen und damit Komplizen bei ihrer eigenen Entmachtung werden.

Nationen als Basis der Demokratie

Manow betont, dass alle modernen Demokratien Nationen sind. Eine Demokratisierung der EU ist deshalb auch schwierig, da es unterschiedliche Grade der demokratischen Legitimation gibt. Die nationalen Parlamente sind von Bürgern gewählt, die EU-Kommission nicht. Er begrüßt deshalb die Rückverlagerung auf die nationale Ebene, wie dies bei Grenzkontrollen bereits geschieht.

Wir können die Wälle nicht immer höher ziehen

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung begründet er, warum er die liberale Demokratie nicht als Idealzustand versteht.

Gerichte entscheiden zu viel 

Manow kritisiert, dass immer mehr Entscheidungen über Gerichtsentscheidungen und nicht über Mehrheit geregelt werden. Ab den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurden Schutzrechte von Minderheiten immer weiter ausgebaut mit einer Kompetenzverlagerung zur Judikative.
Er verweist, dass eine ganze Reihe von Staaten wie die Niederlande und das Vereinigte Königreich keine Verfassungsgerichte kennen und dennoch stabile Demokratie sind.

Wir haben keine fundamentalen Probleme?

Er sieht die Gefahren durch den Populismus, möchte die Wälle aber noch nicht höher ziehen. Ein Parteienverbot gegen die AfD sieht er kritisch, da man eine Partei mit mehr als 30 % nicht verbieten kann. Er verweist auf eine Analogie der paradoxen Familientherapie: Manchmal muss man den Paaren auch einfach sagen, hört mal, ihr habt eigentlich gar kein fundamentales Problem. Dann kann man die bestehenden Konflikte besser lösen.

Samstag, 10. August 2024

Es braucht eine Revolution – in der Demokratie für die Demokratie

Hedwig Richter und Bernd Ulrich fordern in der ZEIT eine Revolution - in der Demokratie für die Demokratie.

Bedrohungen für die westliche Demokratie von innen und außen

Die Autoren sehen eine Konterrevolution gegen die westlichen Demokratien: Russland hat die Ukraine angegriffen, die Hamas Israel und Xi droht mit dem militärischen Anschluss Taiwans. Noch beunruhigender sind die Bedrohungen von innen: Rechtspopulisten werden immer stärker und wollen dem „Volkswillen“ freie Bahn verschaffen: indem sie auf das Recht des stärkeren setzen. Die Bedrohung von außen führt nicht zum Zusammenhalt im Innern – im Gegenteil.

Eine Revolution der Demokratie

Die Autoren fordern eine andere Aart des Kampfes gegen diese Entwicklung. Der Kampf kann nicht allein durch den Kampf gegen Rechtspopulisten und defensiv errungen werden. „Die Konterrevolution gegen die Demokratie kann nur durch eine Revolution der Demokratie besiegt werden.“

Nebenfolgekrise als Ursache für den Aufschwung des Rechtspopulismus

Sie halten die „Nebenfolgekrise“ für die wichtigste Ursache für den Aufschwung des Rechtspopulismus. Lange Zeit konnten die Privilegierten in den westlichen Demokratien Kosten und Kollateralschäden abschieben. Durch die globalisierte fossile Produktion wurden Gegner der Demokratie stark: China, Saudi-Arabien, Russland. Nun kehren die Nebenfolgen heim.

Unsere Lebensweise muss "nebenfolgenarm" werden

Unsere Lebensweise muss „nebenfolgenarm“ werden – nicht nur ökologisch. Außerdem müssen wir für die Kollateralschäden aufkommen. Die Mehrheit betrachtet das bisherige Privileg als Grundrecht, die Forderung nach Nebenfolgenfreiheit betrachten viele als Angriff auf die Freiheit. Unterstützt durch Rechtspopulisten wenden sie sich gegen die Wende beim Klima, Agrar, Verkehr, aber auch westliche Militärhilfe für die Ukraine. Rechtspopulisten machen ein hochattraktives Angebot: „Mit eurer Normalität der vergangenen siebzig Jahre ist alles in Ordnung. Es gibt die Nebenfolgen gar nicht und/oder die globalisierten Eliten möchten euch erziehen. Sie bietet Wut, Empörung, Normalität, Heimat im Gestern und einen Sündenbock.

Die demokratischen Kräfte können nicht liefern

Die demokratischen Kräfte sagen, dass es zwar Störungen der gewohnten Lebensweise gibt, mit technologischer Transformation und Sonderhaushalten ließe sich das in Griff bekommen. Diese Antwort ist falsch, da es mit Technik allein nicht getan ist, außerdem können nicht liefern, nur selten erfüllen sie die Versprechen. Außerdem ist die Antwort technokratisch und kühl. Die einzige Emotion, die den demokratischen Eliten bleibt, ist der Antifaschismus.

Anderer Umgang mit dem Epochenbruch notwendig

Die Autoren halten einen anderen Umgang mit dem Epochenbruch für notwendig.
Der Faktor Zeit muss neu gedacht werden. Entscheidungen können nicht mehr solange verschleppt werden, bis sie ihre Sprengkraft verlieren. Im Zeitalter der rasch heimkehrenden Nebenfolgen bedeutet verschieben meist verschärfen. Wir befanden uns 70 Jahre lang nicht in einer Hochphase, sondern auch in einer Dekadenzphase der Demokratie.

Demokratische und ökologische Teilhabe ermöglichen

Die Politik sollte offen über den Epochenbruch sprechen und den Paternalismus aufgeben: Wir können keine Politik mehr machen für euch ohne euch. Die Strategie ist riskant, aber man könnte auch gewinnen: Erwachsensein, Augenhöhe – und Selbstwirksamkeit.
In dieser neuen Welt würde der Staat den Bürgern die Chance zur demokratischen, ökologischen Teilhabe geben, ihnen bei dem helfen, was sie ohnehin tun müssen, um ihre Würde und ihre Demokratie zu bewahren: ihr Leben ändern. Diese Revolution wäre in Teilen eine Renaissance, denn der Westen hat in der Phase der Übermacht demokratische Tugenden verlernt.

Begrenzung durch Repräsentativität

Der Ruf der Populisten nach mehr Demokratie setzt hier an. Sie fordern Volksbeteiligung und damit weniger Parlament und weniger Expertinnenwissen (Eliten!). Gerade in Krisenzeiten haben Demokratien auf Selbstverteidigung umgestellt, auf weniger direkt, auf mehr Disziplin. Die wichtigste Begrenzung ist das Prinzip der Repräsentativität: Diese macht die Demokratie in einer großartigen Volte zu einem Verfahren, mit dem die Bürger die Chance erhalten, zu ihrer Vernunft zu kommen, ohne selbst jeden Tag und jede Stunde vernünftig sein zu müssen.
Die Autoren bezeichnen es als undemokratisch, Bürgern wie launischen Tyrannen jeden Wunsch von den Lippen abzulesen, sei er noch so unvernünftig.

Selbstregierung ist auch Selbstbeherrschung

Selbstregierung ist auch Selbstbeherrschung, ist Maß, ist Form, ist Staatstragen. Eigentum verpflichtet, d.h. Bürgerlichkeit in Zeiten von Putin, Trump und Ökodesaster hieße heute, angemessen Steuern zu zahlen. Dafür spielt die Wissenschaft eine entscheidende Rolle.
Nach dem Krieg schufen die Regierungen Europas mit ihrer Unterstützung mächtige Sozialstaaten. Vieles spricht dafür, dass unsere Demokratie heute so gefährdet ist wie noch nie zuvor, und es steht ein Lastenausgleich an, für Lasten mit einer ganz anderen Tragweite und Tiefe als damals.
Mit demokratischen Tugenden wie Selbstregierung, Selbstbeherrschung, Disziplin, Solidarität würde unsere Republik in die Lage versetzen, die sich übertürmenden Krisen ehrlich zu analysieren und entschieden zu bekämpfen.

Demokratie selbst als Wundermittel

Das Wundermittel liegt in unseren Händen – die Demokratie. Nicht in der Luxus-Variante, „sondern in ihrer dritten Kampfphase, nach dem Kampf gegen den Feudalismus und den Totalitarismus steht nun der gegen ihre eigene destruktive Seite an, sozusagen gegen den Kollateralismus.
Die Demokratie muss liefern, sagt der Konsument. Die Demokratie ist schon die Lieferung, sagt die Demokratie.

Donnerstag, 11. Juli 2024

Schlafwandelt der Westen in den Abgrund?

In der Süddeutschen Zeitung äußert sich Gustav Seibt besorgt um die Politik und Krisen im Jahre 2024: Wenn alles auf dem Spiel steht
Die mögliche Rückkehr von Trump und der gewaltige Sieg der Rechtsextremen um Marine Le Pen in der ersten Runde der Parlamentswahlen sind nur Beispiele für die Gefahren, die EU und NATO paralysieren könnten. Die erste Amtszeit von Trump, der Brexit und der russische Überfall zeigten, dass diese Entwicklungen für den Westen noch schlimmer kommen könnten.

Nicht Schlafwandeln, sondern sehenden Auges

Christopher Clark hat bei seiner Analyse zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs von Schlafwandlern gesprochen. Diese Analogie passt nicht, denn man ging die Risiken sehenden Auges ein. Nach der Besetzung der Krim, intensivierte Deutschland das Energiegeschäft hin zur Abhängigkeit. Motto: „so wichtig sei das mit der Krim auch wieder nicht, nicht wichtig genug jedenfalls, um Geschäfte mit billigem Gas infrage zu stellen. Auch der britische Premier David Cameron spielte mit dem Referendum zum Brexit Hasard – und verlor.

Demokraten und Republikaner haben keinen Nachfolger aufgebaut

Biden gewann 2020 gegen Trump und dank Trumps Vizepräsident Mike Pence wurde der Putschversuch abgewehrt. Biden hat seine Sache gut gemacht, das Versäumnis einen geeigneten Nachfolger aufzubauen, findet der Autor aber gefährlich. Auch die Republikaner nutzten die Zeit nicht, sich vom Trump zu befreien – im Gegenteil. Für den Autoren ist das „eine Ungeheuerlichkeit, zugelassen mit sehenden Augen.“ Unverantwortlich handelt auch der französische Präsident mit seiner Risikopolitik in gefährlichen Zeiten.

Putin kann sein Glück kaum fassen

Für Seibt gibt es eine Person, die aus diesem leichtfertigen Herumfuhrwerken profitiert: Wladimir Putin. Vermutlich kann er sein Glück kaum fassen, bei so viel Unvorsichtigkeit seiner Gegner. Notwendig ist jetzt ein Gefahrenbewusstsein, eine Wahrnehmung von Instabilitäten, in denen Fehler tödlich werden können.

Nichts passiert aus Zufall oder „notwendigerweise“

Mit einem Verweis auf den Beginn des 20. Jahrhunderts zeigt der Autor, dass nichts aus Zufall oder notwendigerweise passiert. Kurt Tucholsky erkannte 1925, dass die Wahl des Republikfeinds Hindenburg zum Präsidenten eine Katastrophe nach sich zieht.
„Wir Zeitgenossen von 2024 bewegen uns an der Oberfläche der Geschichte, in der es nun auf einzelne Entscheidungen, auf eingegangene oder vermiedene Risiken, auf Vorsicht oder Leichtfertigkeit ankommt. Wir sind keine Schlafwandler, und genau das ist unsere Verantwortung.

Freitag, 21. Juni 2024

Entwicklungspolitik: Radwege in Peru sind nicht das Problem

Kaum eine Debatte, die ohne den Verweis auf die Radwege in Peru auskommt. Das Magazin Jacobin analyisiert die Entwicklungspolitik: Radwege in Peru sind nicht das Problem - die reichen Länder blockieren Schritte, die Entwicklungshilfe langfristig überflüssig machen würden.

Fragwürdiges Diskursniveau

Die Autoren kritisieren das Diskussionsniveau. Einerseits werden Kleinstbeträge als Beweis für die Verschwendung verwendet. Auf der anderen Seite muss die Exportrelevant als Gegenargument herhalten. Dabei geht ein Löwenanteil in entwickelte Länder. 

Entwicklungshilfe anders bewerten

Bisher wird die Entwicklungshilfe anhand des Ziels von 0,7 % des BIP. Deutschland gehört zu den wenigen Staaten, die dieses Ziel erreicht habe. Die Ausgaben für Versorgung von Flüchtlingen können sich in den ersten zwölf Monaten auf die Entwicklungshilfe anrechnen lassen – 2016 erreichte Deutschland das Ziel, ohne dass nur ein Cent in den Globalen Süden floss.

Kredite als Hilfe deklariert

Oft findet Entwicklungshilfe über Kreditvergabe statt – auch die mittlerweile berühmten Radwege wurden hauptsächlich über Kredite finanziert. Können Kredite nicht zurückgezahlt werden, fließt der Schuldenerlass ebenfalls als Entwicklungshilfe ein. Weltweit nehmen Kreditvergabe zu. Auch die Höhe der Zinsen wurde hypothetisch hochgeschraubt, um bei der Quote besser dazu stehen.

Beiträge für multilaterale Organisation

Über 40 % der deutschen Entwicklungshilfe entfällt auf Beiträge für multilaterale Institutionen wie etwa die Vereinten Nationen. Diese sind an Bedingungen geknüpft, wie beispielsweise die Unterstützung kriegsgebeutelter Länder.

Blockierte Reformen

Besser wäre es, armen Ländern den Zugang zu günstigen und stabilen Bedingungen an Kapital zu ermöglichen. Hier stellt sich der Globale Norden ebenso queer wie bei der Frage nach ausgeglicheneren Handelsbeziehungen. Die Märkte afrikanischer Länder werden mit subventionierten Agrarprodukten geflutet, gleichzeitig schränken Patente die Nutzung vonTechnologien  und Innovationen ein.

Die ärmsten Länder werden alleingelassen

Länder, die am dringendsten auf Hilfe angewiesen sind, werden allein gelassen. Dies gilt insbesondere für die sogenannten »Least Developed Countries« (LDCs), die vom Kapitalmarkt ausgeschlossen sind und von Klimakatastrophen heimgesucht werden, denen sie nichts entgegenzusetzen haben.
Die Verantwortung für die multiplen Krisen tragen vorrangig die Industriestaaten. „Es wäre weder eine Wohltat noch ein Akt der Selbstlosigkeit, sondern lediglich das absolute Minimum dessen, zu dem wir verpflichtet sind. Dieser Aufgabe nicht nachzukommen, ist eine moralische und politische Bankrotterklärung.

Donnerstag, 6. Juni 2024

Wer an Entwicklungshilfe spart, spart an der eigenen Sicherheit

Michael Bauchmüller warnt in der Süddeutschen Zeitung vor Einsparungen bei der Entwicklungshilfe: Wer hier spart, spart an der eigenen Sicherheit.

Das Geld ist knapp und Deutschland verschenkt es noch ins Ausland?

Die Zahlen sind erschreckend: mehr als 700 Millionen leben mit chronischem Hunger, viele Kinder besuchen keine Schüler. Zudem könnte vieles in der Entwicklungshilfe besser laufen. Der Autor warnt aber davor in Zeiten knapper Kassen ins Muster „Das Geld ist knapp, und Deutschland verschenkt noch Geld“ zu verfallen. So etwas wie Verantwortung oder Solidarität findet in diesem Diskurs keinen Platz, geschweige denn der Gedanke des Teilens.

Notwendig ist Verlässlichkeit

Bauchmüller kritisiert, dass es viele Partnerschaften und Projekte, aber keinen langfristigen Plan in der Entwicklungshilfe gibt. In Deutschland arbeiten bis zu vier Ministerien oft nebeneinander her. Auch weltweit müssen sich die Geber des Nordens fragen, warum so wenig erreicht wurde. Auch hier lähmen Eifersüchteleien den Fortschritt, weil viele wetteifern, wessen Plakette auf welchem Projekt prangen darf.

Sicherheit auf dem Planeten

Ausreichend und effiziente Hilfe ist wichtig für die Stabilität Wo die Armut regiert, haben stabile Verhältnisse kein Zuhause, geschweige denn die Demokratie
Bei Eigennutz geht es also nicht nur um potentielle Vorteile für die Deutsche Exportwirtschaft wie Entwicklungsministerin Svenja Schulze betont. „Letztlich geht es um die Sicherheit auf dem Planeten. Und weil der nun einmal eine Kugel ist, kommt jede Unsicherheit über kurz oder lang auch bei denen an, die Entwicklungshilfe heute noch für Geldverschwendung halten. Und abgesehen davon: Bei dem Gedanken, dass 700 Millionen Menschen heute noch nicht wissen, was sie morgen essen sollen, kann einem auch ruhig mal der Appetit vergehen.“ 

Thema in meinen Seminaren 

Entwicklungspolitik ist ein beliebtes Thema in meiner Seminarliste - weitere Informationen finden Sie hier.

Dienstag, 28. Mai 2024

75 Jahre Grundgesetz – ein Grund zu feiern in einer Zeit der Bewährung

Im Mai wurde das Grundgesetz 75 Jahre alt. Das Thema war auch bei meinen Seminaren oft nachgefragt und heiß diskutiert

Wir leben in einer Zeit der Bewährung

Bei den Feierlichkeiten zum Geburtstag hat Bundespräsident Steinmeier zur Verteidigung der Demokratie aufgerufen. „"Schützen müssen wir sie selbst. Auf uns und jeden von uns kommt es an." Angesichts der Gewalt gegen Mandatsträger warnte er vor Gefahren.

Epochaler Bruch

Nach Jahrzehnten, in denen Wohlstand, Demokratie und Frieden gediehen, erlebe man mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine "einen epochalen Bruch". Notwendig sind Antworten gegen die wachsende Entfremdung zwischen Politik und Gesellschaft. Das Land muss sich auf Verteilungsstreitigkeiten einstellen angesichts riesiger Aufgaben wie Klimawandel, soziale Sicherung und Wirtschaftskrisen.

Grundgesetz das Beste, was Deutschland hervorgebracht hat

Dennoch zieht Deutschland ein positive Biland, die Verfassung bezeichnet Steinmeier als Meisterwerk und gehöre zum Besten, was Deutschland hervorgebracht hat. Er würdigte die friedliche Revolution in der DDR vor 35 Jahren. Deutschland sei zu einem Land zusammengewachsen, das mehr sei als die Summer zweier Teile.

Weitere Informationen

Die Bundeszentrale für politische Bildung hat ein Dossier, außerdem berichten viele Zeitung wie die ZEIT, der SPIEGEL  


Freitag, 10. Mai 2024

Demokratien können auch von unten sterben

Anlässlich des Angriffs auf einen Europaabgeordneten analysiert Peter Dausend in der ZEIT  „Demokratien können auch von unten her absterben“.

Rituelle Empörung und Ratlosigkeit

Während die die Wut von recht immer gefährlicher wird, beharrt der Bundeskanzler auf "Besonnenheit". Der Autor sorgt sich um diese Entwicklung, er befürchtet eine emotionale Leere.
Auch bei dem gewalttätigen Angriff auf den sächsischen SPD-Europapolitiker Matthias Ecke sieht der Autor die üblichen Reaktionen: Man ist entsetzt, verurteilt die Tat, fordert besseren Schutz und fordert besseren Schutz. Es nennt dies einen Mix aus ritueller Empörung und Ratlosigkeit

Demokratien können von oben entkernt werden. Oder von unten her absterben

Viele Demokratien verschwinden durch das Handeln der Regierung: durch Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit, Politisierung der Justiz und Korruption.
Dieser Methode Orbán, also der Demokratieauflösung von oben, steht das Verfaulen von unten in nichts nach – wenn sich nicht mehr genügend Menschen finden, die sie verteidigen. Dazu gibt es viele Anzeichen, Kommunalpolitiker ziehen sich zurück, Parteien verlieren an Mitglieder und Zuspruch.
Auch Abgeordnete im Bundestag ziehen sich freiwillige zurück, sie halten die Hetze und Anfeindungen nicht mehr aus.

Emotionalisierungsdominanz bei Rechtspopulismus

Einen weiteren Grund für die Übergriffe und die rituellen Proteste sieht der Autor in der „Emotionalisierungsdominanz“ bei den Rechtspopulisten. Sie nutzen die Verunsicherung in der Gesellschaft durch die Krisen und regeln Hass, Hetzte und Verachtung. Er fordert die Regierung nach mehr Begeisterung für das eigene Tun und Kampfbereitschaft. Während die AfD den politischen Raum unablässig emotional überhitzt, plakatiert der Bundeskanzler "Besonnenheit". Das ist sein Aufbruch dorthin, wohin die Demokratie ebenfalls verschwinden kann: in die emotionale Leere.