In einer Kolumne im SPIEGEL schreibt Henrik Müller über die weltweite Demokratie-Rezession.
Immer weniger Demokratien
Die Zahl liberaler Demokratien sinkt. Das V-Dem-Institut sieht nur noch zwölf Prozent der Weltbevölkerung in Ländern, die dieses Label verdienen. Auch in Deutschland schrumpft die Mitte, dennoch gehört Deutschland zu diesen Demokratien.
Der Vergleich zu den 30ern des letzten Jahrhunderts
Das Szenario erinnert an die 20er und 30er Jahre des vergangen Jahrhunderts. Die Große Depression traf viele Länder hart, es gab Handelskonflikte, das Vertrauen in demokratische Institutionen kam unter die Räder. Mit Finanzkrise, Corona und Inflation hatten auch wir zu kämpfen, es gibt aber auch deutliche Unterschiede. Den Menschen in Europa geht es ziemlich gut, die Lebenserwartung steigt.
Unzufriedenheit, Pessimismus und Aggressivität
Diese Einschätzung spiegeln sich nicht in der Einschätzung wider. Dort beherrschen Unzufriedenheit, Pessimismus und teils eine erschreckende Aggressivität die Stimmung. Populisten finden mit ihren Behauptungen über Globalisierung, europäische Integration und Migration zunehmend Gehör.
Demokratie ist öde – aber erfolgreich
Studien zeigen, dass illiberale Führer schlecht für das wirtschaftliche Wohlergehen sind. Unter Korruption und Vetternwirtschaft leidet das Wachstum. Auch Trump muss immer wieder zurückrudern, weil seine Entscheidungen an der Realität zerschellen.
Demokratien produzieren auf Dauer bessere, gerechtere Ergebnisse. Allerdings müssen sich die Bürger für das Gemeinwesen einsetzen und interessieren. Die Herrschaft des Volkes braucht eine Verankerung im faktischen Wissen über die anstehenden gesellschaftlichen Fragen und ihre möglichen Lösungen. Kommen die Leute dieser Bürgerpflicht nicht nach, droht sich das System von innen her aufzulösen – Desinteresse macht die Demokratie mürbe. Oft wählt das Volk technokratisch ausgerichtete Politiker. Das System lebt von Ernsthaftigkeit und Langeweile. Der Autor betont: Das mag öde klingen. Aber es gibt wahrlich Schlimmeres.