Freitag, 7. August 2026

Beutelsbacher Konsens – heute wichtiger denn je?!

In diesem Jahr jährt sich die Beutelsbacher Konferenz zum 50. Mal. Damals wurde in Beutelsbach im Remstal die Grundlagen für die politische Bildung gelegt. Die Grundsätze – Verzicht auf Überwältigung, Herstellung von Kontroversität, Befähigung zur demokratischen Teilhabe – sind noch heute Standard für die Bildungsarbeit – und heftig diskutiert. 

Ich habe dieses Thema in meine Seminarliste übernommen und werde im Herbst bei einem Kongress in Beutelsbach über den Beutelsbacher Konsens in der Erwachsenenbildung einen Workshop leiten. 

Dossier der Landeszentrale 

Die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg war damals Gastgeberin der Konferenz. Auf ihrer Seite gibt sie ein Dossier, in dem verschiedene Aspekte vorgestellt werden. 

•    Der Beutelsbacher Konsens
•    Zur Entstehung des Beutelsbacher Konsenses
•    Warum Beutelsbach?
•    Vorgeschichte zum Beutelsbacher Konsens
•    Chronologie der Beutelsbacher Gespräche
•    Jubiläumsrede 50 Jahre Beutelsbacher Konsens
•    Neutralität in der Schule aus rechtlicher Sicht
•    Neutralität in der Schule aus pädagogischer Sicht
•    Praxis-Test: Fallbeispiele Beutelsbacher Konsens

Auf der Seite finden Sie auch ein interessantes Video: 



Warum der Beutelsbacher Konsens heute wichtiger denn je ist

In einer Rede in Beutelsbach hat die LpB-Direktoren Sibylle Thelen wichtige Aspekte des Konsenses dargestellt. Sie bezeichnet „Demokratie lernen“ als Daueraufgabe. 

Demokratien unter Druck 

Durch weltweite Autokratien und autoritäre und extreme Kräfte in demokratischen Staaten sind Demokratien weltweit unter Druck. Umso wichtiger, „Wissen über Demokratie zu vermitteln, demokratiebezogene Kompetenzen zu fördern und demokratische Resilienz zu stärken.“

Grundsätze der politischen Bildung 

Der Beutelsbacher Konsens beschreibt die Grundsätze der politischen Bildung. Ziel der Bildungsangebote ist der Erwerb demokratiebezogener Kompetenzen, ist der Erwerb von Mündigkeit. Diesen Zielen ist der Beutelsbacher Konsens verpflichtet. 

Mit drei Begriffen steckt der Beutelsbacher Konsens das weite Feld der politischen Bildung ab. Es sind Begriffe wie Leitplanken: 

  • Überwältigungsverbot: Keine Indoktrination – alle Lernenden sollen befähigt werden, sich selbst ein Urteil zu bilden 
  • Kontroversitätsgebot Themen und Probleme, die in Wissenschaft und Politik kontrovers diskutiert werden, müssen auch kontrovers dargestellt werden
  • Handlungs- und Schülerorientierung: Politische Bildung will zur Teilnahme ermutigen

Den Rahmen für die Anwendung des Beutelsbacher Konsenses setzt dabei die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Es gelten die vom Bundesverfassungsgericht festgestellten „unentbehrlichen“ Grundprinzipien: Menschenwürde, Demokratieprinzip und Rechtsstaatlichkeit.

Einigung zu angespannten Zeiten 

Die Konferenz in Beutelsbach fand in angespannten Zeiten statt. Die 19701er Jahre waren durch Umbrüche geprägt. In Deutschland gab es Kontroversen um die Ostpolitik und die gesellschaftlichen Reformen im Ehe- und Familienrecht. Auch in der Bildungspolitik wurde heftig diskutiert, umso mutiger der Plan Vertreter der unterschiedlichen Lager ins Gespräch zu bringen. 
Wenig deutete am Anfang auf die Bedeutung der Veranstaltung hin, die Zusammenfassung von Hans-Georg Wehling unter dem Titel „Konsens a la Beutelsbach?“ wurde erst langsam zur Marke. Auch der Ort war eher zufällig, die Landeszentrale in Stuttgart bot nicht genug Platz 

Ringen um den Beutelsbacher Konsens 

Der Begriff „Beutelsbacher Konsens“ machte eine steile Karriere. Die Auseinandersetzung ist in Politik und Gesellschaft angekommen. Dafür gibt es verschiedene Gründe: 

  • Die Komplexität unserer Zeit nimmt zu: Globale Krisen und sozialer Wandel machen die demokratische Meinungsbildung zu einer konfliktträchtigen Herausforderung 
  • Lösungen finden ist schwierig: Die Verunsicherung macht Angst, einfache Wahrheiten gegeben scheinbaren Halt -auch an Schulen werden radikale Aussagen registriert. 
  • Die Vorstellung von Demokratie triften auseinander: Die Menschen stimmen der Demokratie als Prinzip zu, sind aber oft unzufrieden mit der Demokratie. 

Die Debatte um Neutralität 

Thelen zieht einen Vergleich zu den polarisierten 1970er Jahren und spricht von einem Deja-vu. Ohne die Partei zu nennen, verweist sie auf das Parteiprogramm der AfD in dem Lehrer zur unbedingten Neutralität verpflichtet werden sollen. Meldeportale bundesweit sollen dafür sorgen, dass Lehrkräfte angezeigt werden, wenn sie gegen diese Neutralität verstoßen. 
Tatsächlich sind Staat, Regierung und Amtsträger zu Neutralität verpflichtet, denn der Willensprozess geht vom Volk zur Regierung. Aber Parteien wirken auch an der Willensbildung mit – Demokratieprinzip und Parteienprivileg sind gesetzt, ebenso wie das Prinzip der wehrhaften Demokratie 
Schulen und Einrichtungen wie die LpB dürfen nicht parteipolitisch wirken, sind aber kein wertneutraler Ort: Menschen sollen an Grund- und Menschenrechte und die Demokratie herangeführt werden. 
Sie fordert zu differenzieren: 

  • Parteipolitische Neutralität ist nicht gleichzusetzen mit Werteneutralität.
  • Überparteilichkeit ist sehr wohl vereinbar mit dem Eintreten für die Grundrechte.
  • Parteiergreifen für die freiheitlich-demokratische Grundordnung ist kein Verstoß gegen das Neutralitätsgebot.

Kontroversen bearbeiten 

Mit der Weiterentwicklung des Verständnisses von Demokratie muss sich auch die politische Bildung anpassen: 

  • Wird sie im Sinne der freiheitlich-pluralistischen Demokratie interpretiert?
  • Erfolgt sie unter den Vorzeichen von Menschenwürde, Demokratieprinzip und Rechtsstaatlichkeit?
  • Baut sie auf der kollektiven Verantwortung für die Menschheitsverbrehen der NS-Diktatur auf?


Wichtige Impulse über die politische Bildung hinaus 

Thelen betont, dass der Beutelsbacher Konsens wichtige Impulse über die politische Bildung hinaus liefert: für den Journalismus, für die seriöse Wissenschaft und für einen verantwortungsvollen demokratischen Diskus in allen Bereichen des Lebens: „Der Beutelsbacher Konsens gibt Werkzeuge zur Auseinandersetzung mit der Realität an die Hand. Der Beutelsbacher Konsens gibt uns allen Gestaltungsmöglichkeiten – Gestaltungsmotivation und Gestaltungsmut im Sinne gelebter Demokratie! – Demokratie lernen ist eine Daueraufgabe