Albrecht Koschorke ist Professor für Literaturwissenschaften an der Universität Konstanz. In einem Beitrag in der ZEIT argumentiert er, dass die Tage des Westens gezählt sind.
Dreifache Niederlage
Koschorke prognostiziert beim Ukraine-Krieg drei Seiten eine Neiderlage:
Die Ukraine – ihr könnte zwar gelingen, Russland aus den neu besetzten Gebieten zurückzudrängen, aber nur für den Preis von Elend und Verwüstung.
Russland, das nach der gescheiterten Invasion militärisch blamiert, politisch isoliert und wirtschaftlich geschwächt ist. Aber auch der Westen wird nicht triumphieren, denn die Gestaltungsmacht ist bereits vor dem Krieg deutlich gesunken.
Europa wird zurückfallen
Die neue Konstellation erinnert an die Verhältnisse des Kalten Kriegs. Russland versucht den Einfluss auf dem Gebiet der Sowjetunion Einfluss zu behalten und der um Osteuropa erweiterte Westen konnte sich konsolidieren. Die meisten der sich im Ukraine-Konflikt neutral gebenden Staaten sind aus den Blockfreien hervorgegangen – mit dem Unterschied, dass einige Entwicklungsländer von einst inzwischen ihrerseits als globale Mächte agieren, politisch wie ökonomisch. Diese werden eine Vormachtstellung erinnern, Europa wird zurückfallen, während sich die USA vorläufig noch behaupten kann.
Kritik am Westen
In diesen Ländern sind die missglückten westlichen Interventionen im Nahen Osten und Afghanistan im Bewusstsein. Viele machen den Westen für Inflation und knappe Lebensmittel verantwortlich. Sie sehen den Westen auf dem absteigenden Ast und haben den Verdacht, dass dem Leiden in der Ukraine mehr Gewicht beigemessen wird als dem Elend in südlicheren Weltregionen.
Aufbegehren gegen amerikanisch-europäische Arroganz
Die Ablehnung des Westens bildet eine ideologische Brücke zwischen Russland und dem Globalen Süden. Diese Ablehnung wird auch von den Bevölkerungen geteilt. Das prägendste Beispiel ist China, das in seinem Friedensplan zur Waffenruhe aufruft, aber letztlich die USA verantwortlich machen. Wird China lachender Dritter in der Eskalation der Gewalt zwischen den beiden Supermächten des 20. Jahrhunderts. Der Liberalismus als Weltmodell konnte sich nicht als universelle Doktrin durchsetzen.
Der Liberalismus verliert an Überzeugungskraft
Der Liberalismus hat von der Überzeugung gelebt, die Moral und die Zukunft auf der Seite zu haben. Das machte ihn zu einer in humanitären Fragen interventionsfreudigen und expansiven modernistischen Ideologie. Diese Rolle setzt zwei Dinge voraus: Autorität und Macht.
Für einen kurzen historischen Moment nach Ende des Kalten Kriegs sah es so aus, als habe das liberale Wertesystem eine Monopolstellung errungen. Inzwischen sinkt die Akzeptanz, die Leitidee des
Gleichlaufs von Demokratisierung, Rechtsstaatlichkeit, Marktwirtschaft, Modernisierung und Mehrung des Wohlstands löst sich auf. Der Zustand westlicher Demokratie bietet kein Vorteil, dies senkt auch die Soft Power des Westens, während zugleich seine politische und ökonomische Übermacht schwindet.
Fragen des Rechthabens sind Machtfragen
Im Falle der Ukraine sind jedoch Recht und Unrecht so klar verteilt. Zu einer breiten Solidarisierung mit der Ukraine und dem Vorgehen des Westens ist es dennoch nicht gekommen. Es geht auch um Macht. Nach der Auflösung der hegemonialen Ordnung gerät die Absolutheit des moralischen Imperativs mit der Begrenztheit der eigenen Autorität und Durchsetzungsmacht in Konflikt.
Der Krieg in der Ukraine nur als Vorspiel?
Für den Autor ist Empörung ist kein Ratgeber für eine Kontrolle der Eskalation. Er kritisiert, dass aus der berechtigten Empörung eine kriegstreiberische Stimmung entstanden ist. Er fordert, die Handlungen vom Ende her zu denken und sich der Grenzen der eigenen Macht zu vergegenwärtigen.
Zum Schluss stellt er noch einige Fragen, die im Hinblick auf Taiwan Böses erahnen lassen: Ist der Ukraine Krieg nur Vorspiel weiterer geopolitischer Machtkämpfe? Kommt es zum offenen Konflikt zwischen den USA und der neuen Weltmacht China? Wenn aber die USA ihre Rolle als Weltpolizei ausgespielt haben – und Europa die seinige als Hilfspolizist ohnehin –, werden solche militärischen Konfrontationen dann aus historischer Distanz etwas anderes gewesen sein als eine Serie geostrategischer Rückzugsgefechte?