Es war ein weiterer exzellenter Vortrag der Reihe VHS Wissen. Thomas Faist referierte über das Thema „Warum Menschen aufbrechen“ Er kritisierte, dass Europa auf der Stelle tritt. Von den irregulär Eingereisten haben nur wenig Chance auf einen Schutzstatus, können aber auch nicht in ihre Heimatländer zurückgeführt werden.
Seinen Vortrag baute er auf drei Thesen auf.
These 1: Exit ist rationales Verhalten angesichts globaler sozialer Ungleichheit
Zunächst erläuterte er unterschiedliche Gründe für Exit, also Abwanderung. Der wichtigste Grund ist, dass das Leben im eigenen Land als gefährlich wahrgenommen wird
Das Wohnland bzw. die Staatsangehörigkeit ist damit ein entscheidender Faktor für Migration. Ein weiterer Faktor ist die Ungleichheit, die zwischen Nord und Süd in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat.
Motive für Migration
Verschiedene Theorien nennen weitere Motive: Optimierung des Einkommens oder Familienzusammenführung, meistens sind es mehrere Gründe, die sich im Laufe der Zeit auch ändern können. Wichtig ist, dass rechtliche Kategorien wie Arbeitsmigrant oder Flüchtling wenig über Treiber und Motive aussagen.
Kein Zeitalter der Migration
Der Referent betonte, dass trotz der hohen Flüchtlingszahlen nicht von einem „Zeitalter der Migration“ gesprochen werden kann.
Bei einem großen Teil der Fluchtbewegungen handelt es sich um Binnenflüchtlinge und auch bei den ca. 280 Millionen grenzüberschreitender Migration ist der Anteil innerhalb der weniger entwickelten Länder groß. 3,6 % der Weltbevölkerung sind Migranten, diese Zahl war auch im 19. Jahrhundert nicht höher. Das Potential ist höher als die realisierte Migration, neben Loyalität zu Familie oder Nation ist dies Armut, die „gefangenen Bevölkerungsgruppen“, die sich den Aufbruch nicht leisten können. Die Armut ist als kein wichtiger Treiber!
These 2: Wir leben in einer Gesellschaft mit Migrationshintergrund
Bundespräsident Steinmeier stellte fest, dass Deutschland ein Land mit Migrationshintergrund geworden ist.
Innerhalb Deutschlands beschreibt Faist ein Spannungsverhältnis zwischen offener bzw. restriktiver Immigrationspolitik und einem Fokus auf Wohlfahrtsstaat oder Rechtsstaat. Dadurch kommt es zu ungewöhnlichen Koalitionen: Während Unternehmensverbände und politisch Liberale für mehr Immigration plädieren, sind Teile der Gewerkschaften in Sorge um die soziale Sicherung gemeinsam mit Befürwortern nationaler Homogenität eher gegen Migration.
These 3: Faire Migration zum Vorteil vieler Beteiligter ist möglich
Eindringlich fordert der Referent, Migration nicht nur als Problem, sondern auch als Lösung anzusehen. Er betont, dass die restriktiven Maßnahmen nur unsicheren Routen und vielen Opfern führen und außerdem den Rechtspopulismus begünstigen. „Nicht vermeintliche Fluchtursachen bekämpfen, sondern legale Migrationspfade ausweiten“
Weiter fordert er:
Faire Migration: Für die Mobilität müssen gerechte Bedingungen gelten, so sollten die Herkunftsländer für ihren „brain drain“ entschädigt werden. Außerdem sollte kollektive Rücküberweisungen in die Herkunftsländer unterstützt werden.
Viele Unsicherheiten
Beim Ausblick wies er auf viele Unsicherheiten fest, die vor allem mit dem Klimawandel verbunden sind. Die Zahl der Klimaflüchtlinge könnte zunehmen, alarmistische Szenarien gehen von bis zu einer Milliarde bis zur Mitte des Jahrhunderts vor. Zu erwarten sind auch neue Migrationsrouten.
Fragerunde
Zum Abschluss ging der Referent auf zahlreiche Fragen ein.
Dem Vorschlag nach Lagern an der Grenze oder gar in Afrika erteilte er eine Absage, eine Externalisierung hätte nur den Erfolg, dass Migranten mehr Geld für die Flucht zahlen müssten. Er wiederholte seine Forderung nach legaler Einreise und Unterstützung für die Staaten, denen die abgewanderten Menschen fehlen. Auch einer Abschottung erteilte er mit dem Hinweis auf die Menschenrechte eine Absage.