Jana Hensel analysiert in der ZEIT die Arbeitspflicht für Geflüchtete: "Asylbewerber sollen der Gesellschaft etwas zurückgeben"
Debatte über Arbeitspflicht
Die Einführung der Arbeitspflicht für Asylbewerber durch den Landrat von Saale-Orla hat heftige Diskussionen ausgelöst. Was die Kritiker als menschenunwürdig und rassistisch anprangern, hält auch Bundesarbeitsminister für sinnvoll. Manche fordern sogar eine Ausweitung der Arbeitspflicht für reguläre Jobs, z.B. in Gastronomie. Asylbewerber konnten bereits bisher für die Arbeit in Flüchtlingsheim verpflichtet werden, seit Beginn des Jahres auch außerhalb der Unterkunft.
Umsetzung schwierig
Die Umsetzung ist schwierig, denn es ist aufwendig, sich um die Asylbewerber zu kümmern. Im Landkreis meldeten sich nur wenige Organisationen. Ein wirtschaftliches Sparprogramm ist das Ganze eher nicht. Der Landrat verteidigt das Vorgehen mit der Forderung, dass die Asylbewerber der Gesellschaft etwas zurückgeben sollen.
Widersprüchliche Narrative
Ob die Akzeptanz in der Bevölkerung höher wird, ist fraglich, denn zwei Erzählungen prallen aufeinander: Auf der einen Seite heißt es: Die Asylbewerber sitzen hier nur rum und tun nichts. Auf der anderen Seite heißt es: Die Asylbewerber sind gar keine echten Flüchtlinge, die wollen hier nur arbeiten." Genauso widersprüchlich sind die: einerseits ist ihnen in den ersten drei Monaten die Arbeit untersagt, andererseits sollen sie Asylbewerber Lücken schließen.
Die allermeisten Flüchtlinge wollen arbeiten
Untersuchungen zeigen, dass die meisten Flüchtlinge arbeiten wollen. Für viele dauert es aber, bis der Einstieg auf den Arbeitsmarkt gelingt. Von den 2015 angekommenen Flüchtlingen ist nach sieben Jahren 62 Prozent der Einstieg in den Arbeitsmarkt gelungen. Andere Experten sehen die Situation im Vergleich zu anderen Staaten kritischer, z.B. die niedrige Erwerbsquote von Ukrainerinnen und Ukrainern. Die relativ hohen Sozialleistungen könnten ein Grund sein.
Strategie zwischen den Extremen
Während am Anfang vor allem Spracherwerb im Vordergrund stand, soll jetzt der Turbo gestartet werden. Experten fordern eine Strategie zwischen den Extremen – also weder die schnelle Vermittlung in irgendeinen Job noch endloses Warten auf den Idealberuf. Auch den Teilnehmern der Pflichtarbeit wird die Zeit fehlen, in Bildung und Sprache zu investieren und eine reguläre Stelle zu suchen.
Menschen in reguläre Arbeit bringen
Experten fordern andere Wege, die Beschäftigungschancen Geflüchteter zu verbessern: kürzere Asylverfahren, mehr berufsbegleitende Sprachkurse, leichtere Anerkennung von Qualifikationen und – wie wohl bei jedem Thema in Deutschland – weniger Bürokratie. Die Experten verweisen auf die Überlastung der Behörden, bis die Ausländerbehörde nach Rücksprache mit der Arbeitsagentur darüber entschieden habe, sei der Job aber oft längst weg. „Vielleicht wäre auch das nötig: eine Arbeitspflicht für deutsche Behörden.“