Samstag, 15. August 2026

Neutralitätspflicht und AfD in der Schule: Was dürfen Lehrer sagen?

Anlässlich der Wahlen in Ostdeutschland berichtet die Süddeutsche Zeitung über die Bildungspolitik und speziell über die Interpretation der „Neutralitätspflicht“ der AfD und deren Folgen. 

Wie die AfD den Schulen ihr Weltbild aufdrücken könnte

Lilith Volkert beschreibt in der Süddeutschen Zeitung die Wahlprogramme der AfD in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Für die AfD ist Schule kein Ort der Integration, der Leistungswettbewerb steht im Vordergrund. Einige der Forderungen sind – zum Glück – nicht ohne Weiteres umzusetzen. 

Könnte die AfD die Schulpflicht aufweichen?

Die Schulpflicht ist in der Landesverfassung von Sachsen-Anhalt veankert und kann nur mit Zweidrittelmehrheit geändert werden, auch Urteile des Bundesverfassungsgerichts stehen dagegen. Zwar hätten ohnehin nur wenige Eltern den Wunsch, ihre Kinder zu Hause zu unterrichten, das Misstrauen gegen staatliche Einrichtungen wird aber geschürt. 

Was ist mit der Inklusion?

Die AfD möchte Inklusion als „Ideologieprojet“ beenden. Deutschland hat die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert. Die AfD kann Inklusion nicht offiziell abschaffen, aber sehr leicht dagegen anarbeiten, in dem sie Schulen zur Förderzentren umwidmen. 

Darf man Kinder von Geflüchteten getrennt unterrichten? 

Die AfD will Geflüchtete in Sonderklassen unterrichten. Bisher sind diese Klassen nur vorübergehend üblich, eine dauerhafte Trennung widerspricht dem Diskriminierungsverbot im Grundgesetz und der UN-Kinderrechtskonvention. 

Hätte ein striktes Neutralitätsgebot für Lehrkräfte eine Chance?

Das strikte Neutralitätsgebot für Lehrkräfte widerspricht dem Recht auf Meinungsfreiheit. Außerdem schreibt das Beamtenstatusgesetz vor, dass sich Lehrkräfte gegen antidemokratische Aussagen positionieren müssen. Die AfD schürt seit Jahren die Unsicherheit an Schulen, Lehrerinnen und Lehrer dürfen aber nicht neutral sein, wenn es um Grundwerte wie Menschenwürde, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit geht.

Wie leicht ist es, Lehrpläne zu ändern?

Bundesweit verbindliche Bildungsstandards gibt es nur in den Kernfächern wie Deutsch, d.h. die AfD könnte die Lehrpläne im Geschichtsunterricht verändern. Den Unterricht zum Nationalsozialismus etwa könnte sie nicht abschaffen, hierzu gibt es verbindliche Leitlinien der KMK. Wie diese sich durchsetzen könnte, wenn ein Bundesland die Leitlinien ignoriert, ist allerdings offen.

Könnte die AfD in der Bildungspolitik durchregieren?

Experten hoffen, dass der Beamte „remonstrieren“, denn sie sind verpflichtet, gesetzeswidrigen Anordnungen zu widersprechen. Die AfD könnte zwar eigene Beamte auf Lebenszeit berufen, die ganze Verwaltung kann sie aber nicht austauschen. In vorauseilendem Gehorsam hat das Landesschulamt Sachsen-Anhalt bereits jetzt einen Lehrer abgemahnt, der auf Nachfrage erklärt hat, warum er nicht die AfD wählt. 

Was könnte die AfD trotzdem umsetzen?

Die AfD kann neben Gesetzen auch durch Geld Einfluss nehmen, z.B: bei der Ausstattung von Schulen oder der Streichung von Initiativen wie „Schule gegen Rassismus“. Auch das Hissen der deutschen Flagge kann per Verwaltungsvorschrift angewiesen werden. 

Was hätten Lehrkräfte und Schulleitungen zu erwarten?

Der Druck auf Lehrkräfte dürfte weiter steigen, z.B. durch Abmahnungen und Disziplinarverfahren. Einige erwägen, das Bundesland zu verlassen. Gleichzeitig will die AfD „engagierte Lehrer aus dem ganzen Bundesgebiet anlocken“ 

Welche Möglichkeiten hätte der Bund?

Der Bund könnte Fördergelder zurückhalten, theoretisch auch Bildungsabschlüsse nicht mehr anerkennen. Die Hürden dafür sind hoch, es müssten grundlegende Qualitätsstandards oder rechtsstaatliche Prinzipien systematisch verletzt werden.

Neutralitätspflicht und AfD in der Schule: Was dürfen Lehrer sagen?

Lilith Volkert berichtet in der Süddeutschen Zeitung über die Neutralitätspflicht und wie die AfD bereits jetzt Einfluss nimmt. 

Der Fall Max Heckel 

Max Heckel ist Lehrer an einer Sekundarschule in Stendahl. Auf Nachfrage eines Schülers hat er erklärt, warum der die AfD nicht wählt. die Steuerpolitik, die Pläne zur „Remigration“ und dass sie Inklusion an Schulen ablehnt. Er begründete seine Meinung, da man als Wähler „entweder sehr reich, frei von Moral oder nicht bei klarem Verstand sein“ müsse. Vier Wochen später bekommt er eine Abmahnung wegen „Verletzung der Neutralitätspflicht. Sein Einspruch wird noch verhandelt. 

Lehrkräfte müssen und dürfen nicht wertneutral sein 

Die Begriffe „Neutralität“ und „neutral“ gibt es im Grundgesetz nicht. Das Beamtenstatusgesetz fordert von Beamten, ihre Aufgaben „unparteiisch und gerecht“ zu erfüllen. Sie müssen „Mäßigung und Zurückhaltung“ wahren. Sie müssen parteipolitisches neutral sein, aber nicht wertneutral – Im Gegenteil: Werden demokratische Grundwerte angegriffen, etwa durch extremistische Aussagen oder rassistische Beleidigungen, dürfen Lehrkräfte nicht nur eingreifen, sie müssen es sogar.

Beutelsbacher Konsens als Leitlinie 

Die Autorin bescheinigt dem Text aus Beutelsbach eine „erstaunliche Karriere“. Aus einem halb garen Tagungsprotokoll wurden die wichtigsten Leitplanken der politischen Bildung. 
Unstrittig ist, dass Schüler nicht indoktriniert werden dürfen. Beim Kontroversitätsgebot soll erkennbar sein, dass es unterschiedliche Ansichten gibt. Ausdrücklich ausgenommen sind demokratiefeindliche Ansichten: Sie müssen klar als solche benannt und dürfen nicht als gleichwertige Meinung präsentiert werden. Der Grundsatz, dass Schüler eine politische Situation und ihre Lage analysieren können ist nur in Mecklenburg-Vorpommern ins Schulgesetz aufgenommen werden. 

Jahrelanger Streit um Neutralität 

Obwohl die rechtlichen Grundlagen klar sind, gibt es seit Jahren einen heftigen Streit um die Bedeutung von Neutralität. AfD-Fraktionen fordern im Portal „Neutrale Schulen“ zur Denunziation von Lehrern auf – nur in Mecklenburg-Vorpommern wurde das Portal aus Datenschutzgründen verboten. 
Darüber nimmt die AfD über Anfragen und Beschwerden bei Schulämtern Lehrer ins Visier. 

AfD will keine weltoffenen, kritischen denkenden Bürger*innen 

Der Grund für dieses Vorgehen auf der Hand: Sie will nicht, dass Kinder zu weltoffenen und kritischen Bürger*innen erzogen werden. Deshalb argumentiert sie mit Versatzstücken und verlangt mit Bezug auf das Kontroversitätsgebot, dass AfD-Positionen als gleichberechtigte Meinung unter anderen dargestellt werden – was bei antidemokratischen Ansichten aber nicht erlaubt ist. Eins hat die AfD bereits geschafft: Eine Studie der Robert-Bosch-Stiftung zeigt, dass sich fast jede fünfte Lehrkraft verunsichert fühlt. Noch mehr glauben, dass sie alle Meinungen als gleichwertig anerkennen müssen. 

Neutralität ist keine Lösung 

Die Autorin zitiert einen Buchtitel „Neutralität ist keine Lösung!“. Es ist wichtig, Jugendliche und ihre Meinungen ernst zu nehmen und ihnen nicht mit dem erhobenen Zeigefinger zu kommen. An der TU Dresden wird geübt, wie man sich mit Zwischenfällen verhält. Nach einem entschiedenen Stopp sollten die Aussagen durch Fragen (Was meinst du genau, wie würdest du dich in dieser Situation fühlen) gekontert werden. Dies ist Aufgabe der ganzen Schulgemeinschaft, denn einzelne können wenig ausrichten. Das traurige Beispiele einer Schule im Spreewald zeigt die bitteren Konsequenzen: Nach Anfeindungen haben kritische Lehrkräfte die Schule verlassen. 

Lehrkräfte brauchen Unterstützung 

Lehrkräfte müssen konsequent geschützt und rechtlich abgesichert werden, wenn sie Opfer von Hass und Hetze werden. Bedenklich ist deshalb, dass im Falle von Max Heckel in vorauseilendem Gehorsam entschieden werden. Eine Machtübernahme durch die AfD in Sachsen-Anhalt könnte die Situation verschlimmern: Er wünscht sich nicht einzelne Personen, sondern eine geschlossene Reihe, die fest an seiner Seite stehen. 

Donnerstag, 13. August 2026

Der Beutelsbacher Konsens und der Rechtsruck in der Schule

Jan Böhmermann sorgte in einer Ausgabe seines „Magazin Royale“ für die Verbreitung des Beutelsbacher Konsens. Er betonte die Aufgabe der Schule, Grundrechte zu verteidigen und zeigte erschreckende Beispiele der Einschüchterung gegen Lehrkräfte – und mangelnde Unterstützung der Behörden. 

Das ganze Video können Sie hier anschauen. Unterstützt wurde die Recherche von den Krautreportern 



Hakenkreuze, menschenverachtende Chats, radikale Parolen 

In der Sendung berichten Lehrkräfte von Hakenkreuzen im Klassenzimmer, menschenverachtende Chats und radikale Parolen auf dem Pausenhof. Wer sich dagegen auflehnt, wird schnell Zielscheibe von Hass. Die AfD hat jungen Menschen als wichtige Zielgruppe erkannt und versucht gezielt Einfluss zu nehmen. 

Beutelsbacher Konsens 

Mit etwas seltsamen Vergleichen stellt Böhmermann die Grundprinzipien des Beutelsbacher Konsenses vor. Er kritisiert die Fehlinterpretation der Neutralität: Konfrontiert mit Rassismus und menschenfeindlichen Äußerungen sind Lehrer*innen verpflichtet, einzuschreiten. In einigen Landesverfassungen ist „Demokratie lernen“ als Ziel verankert. 

Kaum Solidarität mit engagierten Lehrer*innen 

Der Film zeigt erschreckende Beispiele, wie Lehrer*innen von der AfD an den Pranger gestellt wurden und keinen Rückhalt von Schulleitung und Aufsichtsbehörden bekommen haben – im Gegenteil. Ein Lehrer ist für eine Podiumsdiskussion ohne AfD in eine Kirche ausgewichen, eine Lehrerin wurde für Aufkleber an ihrem Notebook kritisiert. 

Montag, 10. August 2026

Dossier der Bundeszentrale zum Beutelsbacher Konsens

Die Bundeszentrale hat zum 50. Jubiläum des Beutelsbacher Konsens ein Dossier  veröffentlicht. 

Auf der Seite gibt es u.a. Beiträge 

Wie politische dürfen Lehrkräfte sein? 

Ich stelle hier einen Beitrag aus der Reihe Aus Politik und Zeitgeschichte von Michael Wrase ausführlicher vor. 
Vor dem Hintergrund der in verschiedenen von der AfD eingerichteten Online-Meldeportale mit dem Titel „Neutrale Schule“ geht er auf einzelne Regeln detaillierter ein: 

Gebot politischer Neutralität

Das Gebot vollständiger politischer Neutralität ist ein Mythos. Laut Beamtenrecht müssen sie sich bei politischer Betätigung müssen sie sich zurückhalten, können sich aber auch auf das Recht auf Meinungsfreiheit berufen. Eine strikte Neutralität wäre sogar fatales Signal
Das Gebot wird nur dann verletzt, wenn Lehrkräfte sich einseitig für eine bestimmte Partei einsetzen. Außerhalb der Schule gilt dieses Gebot in abgeschwächter Weise, wird aber verletzt, wenn es um menschenverachtende und verfassungsfeindliche Positionen geht. 

Bildungs- und Erziehungsauftrag

Der staatliche Bildungs- und Erziehungsauftrag fordert ausdrücklich eine Erziehung im Sinne demokratischer Grundsätze und der Werte des Grundgesetzes. Die Schulgesetze der Bundesländer unterscheiden sich, die Aufforderung Schüler*innen in die Lage zu versetzen, die Grundrechte für sich und jeden anderen wirksam werden zu lassen, gibt es jedoch bei allen. Für den Autor gibt es keine Zwiefel, dass dies ein klares Bekenntnis gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit beinhaltet. 

Thematisierung von Rechtspopulismus, Rassismus und Diskriminierung

Themen wie Rassismus und Diskriminierung müssen behandelt werden, Lehrkräfte sollen dabei ausgewogen und sachlich sein. Allerdings gelten nicht alle Auffassungen als legitim dargestellt werden müssen. Lehrer*innen können und müssen offensichtlich verfassungsfeindlichen Thesen klar widersprehen. 

Beutelsbacher Konsens aus rechtlicher Perspektive

Die Grenze zwischen kritischer Auseinandersetzung mit diskriminierenden Positionen und eine unzulässige Parteinahme ist nicht leicht zu ziehen. Bedeutsam ist hier der Beutelsbacher Konsens. Zwar gibt es in der Rechtsprechung bisher keinen konkreten Bezug, allerdings lässt sich die Regel aufstellen: Je weniger die genannten Prinzipien beachtet werden, desto sicherer kann von einer einseitigen Beeinflussung ausgehen. 
1982 wurde eine Plakette „Atomkraft: nein danke“ als einseitiges „politisches Propagandamittel“ gewertet, da Schüler diesem unausweichlich ausgesetzt sind. Die friedliche Nutzung der Kernenergie war damals ein umstrittenes Thema, ein Sticker mit weniger kontroversem Inhalt würde wohl anders beurteilt. 
Das Kontroversitätsgebot darf auch nicht im Sinne einer meinungsmäßigen Laissez-fair-Haltung missverstanden werden. Als Beispiel nennt der Autor hier die Thesen von Thilo Sarrazin, die teilweise als rassistische eingestuft wurden. Dass Sarrazins Thesen in der öffentlichen Debatte kontrovers diskutiert wurden und teilweise auch viel Zuspruch erhalten haben, ändert nichts an einer solchen wissenschaftlich gestützten Einordung.

Befähigung zur kritischen Reflexion und Auseinandersetzung 

Gute Bildung, die Förderung eines differenzierten Einschätzungsvermögens und die Vermittlung grundlegender Werte wie Toleranz und gegenseitige Achtung soll junge Menschen gegen die Einflussnahme antidemokratischer und populistischer Bewegungen wappnen. Das geht nicht nur über die kognitive Ebene, sondern muss im gesamten schulischen Alltag vorgelebt werden. 

Freitag, 7. August 2026

Beutelsbacher Konsens – heute wichtiger denn je?!

In diesem Jahr jährt sich die Beutelsbacher Konferenz zum 50. Mal. Damals wurde in Beutelsbach im Remstal die Grundlagen für die politische Bildung gelegt. Die Grundsätze – Verzicht auf Überwältigung, Herstellung von Kontroversität, Befähigung zur demokratischen Teilhabe – sind noch heute Standard für die Bildungsarbeit – und heftig diskutiert. 

Ich habe dieses Thema in meine Seminarliste übernommen und werde im Herbst bei einem Kongress in Beutelsbach über den Beutelsbacher Konsens in der Erwachsenenbildung einen Workshop leiten. 

Dossier der Landeszentrale 

Die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg war damals Gastgeberin der Konferenz. Auf ihrer Seite gibt sie ein Dossier, in dem verschiedene Aspekte vorgestellt werden. 

•    Der Beutelsbacher Konsens
•    Zur Entstehung des Beutelsbacher Konsenses
•    Warum Beutelsbach?
•    Vorgeschichte zum Beutelsbacher Konsens
•    Chronologie der Beutelsbacher Gespräche
•    Jubiläumsrede 50 Jahre Beutelsbacher Konsens
•    Neutralität in der Schule aus rechtlicher Sicht
•    Neutralität in der Schule aus pädagogischer Sicht
•    Praxis-Test: Fallbeispiele Beutelsbacher Konsens

Auf der Seite finden Sie auch ein interessantes Video: 



Warum der Beutelsbacher Konsens heute wichtiger denn je ist

In einer Rede in Beutelsbach hat die LpB-Direktoren Sibylle Thelen wichtige Aspekte des Konsenses dargestellt. Sie bezeichnet „Demokratie lernen“ als Daueraufgabe. 

Demokratien unter Druck 

Durch weltweite Autokratien und autoritäre und extreme Kräfte in demokratischen Staaten sind Demokratien weltweit unter Druck. Umso wichtiger, „Wissen über Demokratie zu vermitteln, demokratiebezogene Kompetenzen zu fördern und demokratische Resilienz zu stärken.“

Grundsätze der politischen Bildung 

Der Beutelsbacher Konsens beschreibt die Grundsätze der politischen Bildung. Ziel der Bildungsangebote ist der Erwerb demokratiebezogener Kompetenzen, ist der Erwerb von Mündigkeit. Diesen Zielen ist der Beutelsbacher Konsens verpflichtet. 

Mit drei Begriffen steckt der Beutelsbacher Konsens das weite Feld der politischen Bildung ab. Es sind Begriffe wie Leitplanken: 

  • Überwältigungsverbot: Keine Indoktrination – alle Lernenden sollen befähigt werden, sich selbst ein Urteil zu bilden 
  • Kontroversitätsgebot Themen und Probleme, die in Wissenschaft und Politik kontrovers diskutiert werden, müssen auch kontrovers dargestellt werden
  • Handlungs- und Schülerorientierung: Politische Bildung will zur Teilnahme ermutigen

Den Rahmen für die Anwendung des Beutelsbacher Konsenses setzt dabei die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Es gelten die vom Bundesverfassungsgericht festgestellten „unentbehrlichen“ Grundprinzipien: Menschenwürde, Demokratieprinzip und Rechtsstaatlichkeit.

Einigung zu angespannten Zeiten 

Die Konferenz in Beutelsbach fand in angespannten Zeiten statt. Die 19701er Jahre waren durch Umbrüche geprägt. In Deutschland gab es Kontroversen um die Ostpolitik und die gesellschaftlichen Reformen im Ehe- und Familienrecht. Auch in der Bildungspolitik wurde heftig diskutiert, umso mutiger der Plan Vertreter der unterschiedlichen Lager ins Gespräch zu bringen. 
Wenig deutete am Anfang auf die Bedeutung der Veranstaltung hin, die Zusammenfassung von Hans-Georg Wehling unter dem Titel „Konsens a la Beutelsbach?“ wurde erst langsam zur Marke. Auch der Ort war eher zufällig, die Landeszentrale in Stuttgart bot nicht genug Platz 

Ringen um den Beutelsbacher Konsens 

Der Begriff „Beutelsbacher Konsens“ machte eine steile Karriere. Die Auseinandersetzung ist in Politik und Gesellschaft angekommen. Dafür gibt es verschiedene Gründe: 

  • Die Komplexität unserer Zeit nimmt zu: Globale Krisen und sozialer Wandel machen die demokratische Meinungsbildung zu einer konfliktträchtigen Herausforderung 
  • Lösungen finden ist schwierig: Die Verunsicherung macht Angst, einfache Wahrheiten gegeben scheinbaren Halt -auch an Schulen werden radikale Aussagen registriert. 
  • Die Vorstellung von Demokratie triften auseinander: Die Menschen stimmen der Demokratie als Prinzip zu, sind aber oft unzufrieden mit der Demokratie. 

Die Debatte um Neutralität 

Thelen zieht einen Vergleich zu den polarisierten 1970er Jahren und spricht von einem Deja-vu. Ohne die Partei zu nennen, verweist sie auf das Parteiprogramm der AfD in dem Lehrer zur unbedingten Neutralität verpflichtet werden sollen. Meldeportale bundesweit sollen dafür sorgen, dass Lehrkräfte angezeigt werden, wenn sie gegen diese Neutralität verstoßen. 
Tatsächlich sind Staat, Regierung und Amtsträger zu Neutralität verpflichtet, denn der Willensprozess geht vom Volk zur Regierung. Aber Parteien wirken auch an der Willensbildung mit – Demokratieprinzip und Parteienprivileg sind gesetzt, ebenso wie das Prinzip der wehrhaften Demokratie 
Schulen und Einrichtungen wie die LpB dürfen nicht parteipolitisch wirken, sind aber kein wertneutraler Ort: Menschen sollen an Grund- und Menschenrechte und die Demokratie herangeführt werden. 
Sie fordert zu differenzieren: 

  • Parteipolitische Neutralität ist nicht gleichzusetzen mit Werteneutralität.
  • Überparteilichkeit ist sehr wohl vereinbar mit dem Eintreten für die Grundrechte.
  • Parteiergreifen für die freiheitlich-demokratische Grundordnung ist kein Verstoß gegen das Neutralitätsgebot.

Kontroversen bearbeiten 

Mit der Weiterentwicklung des Verständnisses von Demokratie muss sich auch die politische Bildung anpassen: 

  • Wird sie im Sinne der freiheitlich-pluralistischen Demokratie interpretiert?
  • Erfolgt sie unter den Vorzeichen von Menschenwürde, Demokratieprinzip und Rechtsstaatlichkeit?
  • Baut sie auf der kollektiven Verantwortung für die Menschheitsverbrehen der NS-Diktatur auf?


Wichtige Impulse über die politische Bildung hinaus 

Thelen betont, dass der Beutelsbacher Konsens wichtige Impulse über die politische Bildung hinaus liefert: für den Journalismus, für die seriöse Wissenschaft und für einen verantwortungsvollen demokratischen Diskus in allen Bereichen des Lebens: „Der Beutelsbacher Konsens gibt Werkzeuge zur Auseinandersetzung mit der Realität an die Hand. Der Beutelsbacher Konsens gibt uns allen Gestaltungsmöglichkeiten – Gestaltungsmotivation und Gestaltungsmut im Sinne gelebter Demokratie! – Demokratie lernen ist eine Daueraufgabe 

Dienstag, 14. Juli 2026

Die Brutalität von Trumps USA ist ein Zeichen der Schwäche

In einem Interview in der Süddeutschen Zeitung fordert Thomas Piketty den Abbau der weltweiten Ungleichheit. Er betrachtet die Brutalität der USA als Schwäche und sieht Chancen für Europa. 

Macht führt zu Reichtum und weiterer Anhäufung von Macht 

Der Weltungleichheitsbericht zeigte, dass eine Handvoll Superreiche dreimal so viel besitzen wie die ärmere Hälfte der Menschen. Piketty hat dafür eine klare Erklärung: Macht anzuhäufen, führt zu weiterer Anhäufung von Reichtum und weiterer Anhäufung von Macht. Die Macht der Milliardäre gefährdet die Demokratie. Die Wut der Menschen richtet sich aber nicht gegen das System, sondern gegen andere Religionen oder Ausländer. Er bezweifelt, dass Leute wie Elon Musk die Zukunftsprobleme lösen, denn Superreiche sind auf sich selbst fixiert.

Brutalität der USA ist ein Zeichen der Schwäche 

Das aggressive Vorgehen der USA unter Trump ist für Piketty eher ein Zeichen von Schwäche. Die USA verlieren die Kontrolle der Welt. Produzierten sie 1950 noch 40 % der Wirtschaftsleistung, sind des heute nur noch 15 %. Dadurch erklärt er „die technonationalistischen und antiklimapolitischen Reaktionen“. Die USA haben gigantische Schulen und ein riesiges Handelsdefizit. 

Europa hat eine Chance 

Piketty bedauert, dass die Europäer und insbesondere Deutschland und Frankreich darauf nicht reagieren, sieht aber Chancen. Die Europäer müssen gemeinsam handeln und gemeinsam in Klimaschutz, Verkehrswege, Energie, Infrastruktur und Universitäten investieren und dadurch Europa stärker machen. Optimistisch stimmt ihn dabei, dass die technonationalistische Agenda nicht funktionieren wird. Auch die Ansätze von Le Pen werden nicht funktionieren. Aus dem globalen Süden wir mehr Druck für Wandel kommen. Deshalb muss Europa Allianzen mit dem Rest der Welt schließen, ansonsten werden China und Russland die Führung übernehmen. 

Klimaschutz und Bekämpfung der Ungleichheit gehören zusammen 

Zur Lösung des Klimaproblems braucht es einen Klimafonds, um den Umbau der Volkswirtschaften des Globalen Südens mitzufinanzieren. Zusammen mit Bildung und Süden sind dafür zehn Prozent der Weltwirtschaftsleistung notwendig – das lässt sich nur durch eine globale Vermögenssteuer finanzieren. Hoffnung auf die Durchsetzung dieser Forderung macht ihm die Erfahrung nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals waren die Staatsschuldung hoch und Investitionen notwendig. Konservative haben damals für eine Vermögensabgabe gestimmt, um Lasten auszugleichen. 
Außerdem ist es eine Frage der Gerechtigkeit. Man kann nicht von einem normalen Steuerzahler erwarten, Klimainvestitionen in Afrika zu bezahlen – dafür ist sein Einfluss zu begrenzt. Die Reichen sind für den Klimawandel verantwortlichen und können zu dessen Bekämpfung auch etwas beisteuern.

90 % der Weltbevölkerung soll ihr Vermögen verdoppeln 

Seine Vision ist, dass sich bis zum Jahr 2100 für 90 Prozent der Weltbevölkerung das Einkommen verdoppelt, während der Anteil der Milliardäre am Gesamtvermögen drastisch sinkt. 
Piketty verweis auch hier auf die Erfahrungen nach dem 2. Weltkrieg. Die Ungleichheit zwischen Superreichen und ärmeren Menschen wurde massiv reduziert, das Ergebnis war eine bisher ungekannte Produktivität und mehr Wohlstand. Damit verbindet er eine positive Utopie gegen Rechte, die mit negativen Zukunftsentwürfen gegen Migranten und Demokratie die Debatte dominieren. 

Optimismus bleibt 

Mit seinem Beststeller „Kapital im 21. Jahrhundert“ hatte er das Thema Ungleichheit nach vorne gebracht. Er ist manchmal frustriert, dass das Interesse für Ungleichheit nicht ansteigt, andererseits freut er sich, dass das Thema international diskutiert. „Bücher können Einfluss haben. Es wird sich etwas bewegen. Wir leben nicht in einem eingefrorenen Zeitalter.“

Donnerstag, 25. Juni 2026

Im Blindflug durch die Welt – die Welt nach dem Iran-Krieg

Mehrere Autoren beschreiben das mögliche Ende des Irankriegs in der ZEIT. Die USA und Israels haben kein politisches Ziel erreicht, aber auch Deutschland gehört zu den Verlierern. 

1. Militärische Stärke führt nicht automatisch zum Sieg

Die Amerikaner und die Israelis haben Tausende Ziele angegriffen, die militärische Führung ausgelöscht und viele Schiffe versenkt. Dennoch hält sich das iranische Regime weiter an der Macht. Entscheidend war die asymmetrische Kriegsführung, die US-Basen und Raffinerien in der Region angriffen. Als größte Trumpfkarte erwies sich die Blockade der Meerenge von Hormus. 
Die Konsequenz: Großmächte können sich nicht auf ihre Dominanz verlassen – eine Lektion, die auch Russland in der Ukraine lernt. Es ist ein Missverständnis, dass die Starken tun, was sie wollen, und die Schwachen ertragen, was sie müssen.

2. Die USA werden von der Ordnungs- zur Chaosmacht

Donald Trump will vermeintlich das Gute, schafft aber zuverlässig das Böse. Er hinterlässt Trümmer, die dann die Alliierten aufräumen müssen. Für die Öffnung der Straße von Hormus wird Teheran Sanktionserleichterung, Wiederaufbauhilfe und Kontrollrechte bekommen. Iran kann die Straße jederzeit wieder blockieren und ist damit stärker als vor dem Krieg. Trump hat das Vertrauen von Freunden schwer erschüttert – in der Region, aber auch in Europa. 

3. Die amerikanische Gesellschaft ist kriegsmüde

Es gibt kaum mehr Konsens in der US-Gesellschaft, in der Kriegsmüdigkeit sind sich die Menschen aber einig. Trump hat lange die Ansicht vertreten, dass die Kriege im Irak und Afghanistan Niederlagen waren– und startet nun ein ähnliches Abenteuer. Selbst seine Basis ist empört, die innenpolitischen Kosten sind enorm. Die America-First-Politik begrenzt also die militärischen Optionen und beschneidet das Drohpotential des Präsidenten. 

4. Deutschland gehört zu den Verlierern

Die steigenden Ölpreise haben die Konjunktur in Deutschland gedämpft. Die Maßnahmen waren umstritten (Tankrabatt) oder scheiterten (Entlastungsprämie). Dies schlägt sich kurz vor den Landtagswahlen im Osten in schlechten Umfrageergebnissen nieder. 
Auch diplomatisch setzt der Krieg Deutschland zu. Lange galten sie als Verfechter des Völkerrechts, verurteilten aber den Krieg gegen den Iran nur halbherzig. Das Scheitern bei der Wahl zum UN-Sicherheitsrat zeigte die schlechtere Haltung. Die scharfe Kritik von Merz an Trump verschlechtere die Situation noch. 

5. China weiß nun, was die USA militärisch können und wie wenig ihnen das genutzt hat

Die Probleme der Amerikaner im Nahen Osten freuen die Machthaber in Peking. Die Amerikaner haben viele militärische Ressourcen verbraucht. China hofft auf einen dauerhaften Frieden, denn Iran ist ein wichtiger strategischer Partner, der bisher den Ölbedarf zu einem Zehntel gedeckt hat. 
Die Chinesen wissen nun mehr über die militärischen Möglichkeiten der USA und wissen darüber hinaus, dass die USA schnell die Lust am Krieg verlieren, wenn der Gegner nicht kapituliert. China sieht aber auch, dass militärische Übermacht allein nicht ausreichend ist. Mit der Meerenge von Taiwan haben die Chinesen eine ähnlich wirkungsvolle Waffe. 

6. Israel kann sich nicht mehr auf die USA verlassen

Die enge Partnerschaft zwischen den USA und Israelis nach dem Krieg kaum wiederzuerkennen. Nach der Vermittlung im Gaza-Krieg war Trump ein Volksheld, nun sehen die Israelis, dass Trump nur nach sich schaut. Israel steht nun allein im Konflikt, denn sie werden wirklich existenziell bedroht. Auch mittelfristig ist die Unterstützung fraglich – Israel wird sich auf die Amerikaner nicht verlassen können. 

7. Das Regime hat den Krieg gewonnen, die Bevölkerung hat ihn verloren

Der vielleicht bitterste Punkt: Während das Regime überlebt hat, steht es um die Bevölkerung im Iran schlechter denn je. Kurz vor dem Krieg gab es etwas Hoffnung, Oppositionelle haben sich auf die Straße gewagt. Die Gewalt hat ein ungekanntes Ausmaß erreicht: Die Zahl politischer Hinrichtungen ist auf einen neuen Höchststand gestiegen, die Revolutionsgarde regiert durch.
Das bittere Fazit der Autoren: „Den Preis für den Sieg der Islamischen Republik zahlten die Menschen im Iran – auch jene, die das Regime ablehnen. Bei den Verhandlungen mit den USA sitzen sie nicht mit am Tisch.“

Freitag, 5. Juni 2026

Wie lässt sich die AfD stoppen?

In der ZEIT beschreiben einige Autorinnen und Autoren, wie sie die AfD stoppen würden. Einige der Beiträge möchte ich hier vorstellen. 

Ein neuer Patriotismus 

Der Fotokünstler Wolfgang Tillmans fordert einen neuen Patriotismus und eine leidenschaftliche, aber nicht aggressive Verteidigung von Deutschland und der EU. Er befürchtet negative wirtschaftliche Folgen eines AfD-Erfolgs und appelliert an die Wirtschaftsvertreter sich klar zu positionieren. 

Eine Welle der Demokratiebegeisterung

Steffen Mau ist Professor für Makrosoziologie. Er nennt die erfolglosen Strategien von Wählerschelte über Brandmauer hin zur Ermahnung, die Probleme anzupacken: der Geist der Demokratiefeinde ist aus der Flasche. Bei ihnen liegt das politische Momentum. Wählerinnen und Wähler schlagen sich gern auf die Seite derer, bei denen es aufwärtsgeht.
Er fordert deshalb eine Gegenwelle der Demokratiebegeisterung. Wir müssen alle ran: ermuntern, mobilisieren, miteinander sprechen, mutig sein - zu Hause, in der Nachbarschaft, im Verein, am Arbeitsplatz. Die demokratische Mehrheitsgesellschaft muss sich sichtbar machen und sich ihrer Vielheit und Stärke versichern - nur dann hat sie eine Chance. 

Sichert die Renten

Monika Schnitzer ist die Vorsitzende der „Wirtschaftsweisen“ und sieht die Antwort auf die AfD in einem Staat, der funktioniert und einer Politik, die ehrlich kommuniziert. Viele Menschen haben Angst um die Rente, Jobverlust und vor der Zukunft. Die Politik muss überzeugende Antworten finden, damit die Menschen nicht das Vertrauen in die Zukunft verlieren. Durch offene Kommunikation soll klar werden, dass wir alle verantwortlich sind und dass alle etwas beitragen müssen, damit Deutschland das Beste aus seinen Möglichkeiten macht.

Wo bleibt der Aufstand?

Der Schauspieler Matthias Brandt fordert, dass man der AfD permanent widerspricht: öffentlich, beharrlich, ohne Angst vor ihrer Lautstärke. Die rechten Populisten verteidigen ihre Fantasiererei von Deutschland gegen die Wirklichkeit eines offenen, vielfältigen, widersprüchlichen Landes, das längst aus vielen Geschichten, Herkünften und Lebensformen besteht.
Notwendig ist ein Aufstand der Anständigen, weil die Inhalte der AfD unanständig sind, da sie Menschen herabwürdigen und ausgrenzen. Von ihr kommen keine konstruktiven Beiträge, sondern Verdacht, Kränkung und schlechte Laune. Moralische Empörung reicht aber nicht, die Regierung muss die sozialen Fragen beanworten. Die Demokratie ist nichts Naturgegebenes – um sie muss gekämpft werden. „Vielleicht beginnt alles damit, dass sich jeder Einzelne stärker als bisher für den Erhalt unserer freien und demokratischen Lebensform verantwortlich fühlt.“

Demokratie allein ist keine Lösung

Thomas Biebricher ist Professor für Politische Theorie an der Goethe-Universität Frankfurt. Er betont, dass es nicht ausreichend ist, die Demokratiefeindlichkeit der AfD zu betonen. Die Menschen erhoffen sich von der Demokratie mehr als deren Bewahrung, Demokratie lebt vom Versprechen auf die Zukunft – Wohlstand, Gerechtigkeit, Frieden und die Verteilung von Lebenschancen. Dazu benötigt man unterschiedliche Optionen, zwischen denen man wählen und gegebenenfalls auch abwählen kann. Politische Parteien müssen unterschiedliche inhaltliche Visionen entwickeln und um diese ringen, das Versprechen die Demokratie „resilienter“ zu machen, reicht nicht aus. 

Ein Parteiverbot als Exempel

Eva Illouz ist Professorin für Soziologie in Jerusalem und Paris. Sie betont die Möglichkeiten des Parteienverbots, das im Grundgesetz vorgesehen ist. Deutschland könnte mit dem Verbot der Welt ein Beispiel geben: dass Demokratie kein haltlos freigiebiges System ist, unfähig, für seine Werte einzustehen, und dass die Freiheit, die sie gewährt, nicht auf unabsehbare Zeit dazu missbraucht werden darf, sie von innen auszuhöhlen. 
Ein Verbot der AfD darf keine einseitige Maßnahme sein. Minderheiten verdienen Schutz, müssen sich aber auch zu den Werten bekennen. Illouz fordert, dass muslimische Bürgerinnen und Bürger vollständig in die Werteordnung integriert werden. Es braucht eine „wohlwollenden Hand, die sie in einen Gesellschaftsvertrag führt. Wenn alle Seiten um der Demokratie Willen auf etwas verzichteten, ließe sich auch der soziale Friede bewahren.“

Wir müssen die Schwächen der AfD gnadenlos auseinandernehmen

Die Historikerin Ute Frevert fordert, der AfD das Leben schwer zu machen: kommentieren, kritisieren, herausfordern, Schwächen benennen. Teile der Wählerschaft wird das nicht beeindrucken, dennoch muss man mit ihnen ins Gespräch kommen und sei es über Alltagsdinge wie Fußball. „Brücken schlagen, auf denen dann auch politische Argumente ausgetauscht, aber ebenso Grenzen gezogen werden können.“

Donnerstag, 4. Juni 2026

Heiterkeit, Liebe und konstruktive Lösungen gegen die AfD

In der Titelgeschichte in der ZEIT geht es um die Frage, ob und wie sich die AfD noch aufhalten lässt. Dieses Thema ist auch in meinen Seminaren ein wichtiges Element, vor allem in den Bereichen Demokratie und Gesellschaft
In meinem Blog stelle ich einige Beiträge zu diesem Thema vor, beginnend mit Anne Hähnig und Bernd Ulrich. Sie ziehen in ihrem Artikel Bilanz nach zehn Jahren AfD: "Das kann es noch nicht gewesen sein. Ihr Lösungsvorschlag: statt die Partei zu bekämpfen, fordern sie Heiterkeit, Liebe und konstruktive Lösungen."

AfD konnte nicht kleingehalten werden

Es wurde viel versucht, um die Partei kleinzuhalten – nichts hat richtig funktioniert. Die AfD steht bundesweit bei fast 30 % und in Sachsen-Anhalt vor der absoluten Mehrheit. Die mehrfach eingesetzte Strategie „Wir oder die AfD“ beantworten immer mehr Wähler mit „Dann eben die AfD“. 
Uli Hoeneß und der ehemalige Ministerpräsident Torsten Albig forderten die Partei durch Regierungsverantwortung zu demaskieren. Umstritten ist auch die Forderung nach einem Verbot – heute wäre ein Verbot schiere Verzweiflung und nicht in erster Linie ein Zeichen demokratischer Wehrhaftigkeit. Nicht zuletzt hat es nicht ausgereicht, dass die amtierende Bundesregierung die ungeregelte Migration bekämpft.

Verhältnis der Gesellschaft zur AfD muss sich ändern

Die Autoren schließen daraus, dass sich das Verhalten gegenüber der AfD verändern muss. Dazu zählen sie aber nicht die Brandmauer. Sie dient dazu, das Land vor einer AfD-Regierung zu bewahren. Ihre Anerkennung würde die gesellschaftliche Diskriminierung anderer Menschen regierungsamtlich machen. „Die AfD wird sich niemals gleichberechtigt fühlen, solange sie nicht andere herabwürdigen kann – das macht den Kern ihrer Identität aus.“ Außerdem steht die Brandmauer für eine bestimmte Haltung, die Autoren nennen es „akademischen Klassismus“. Am Beispiel von Hubertus Heil zeigen sie, dass akademische Arroganz keine Lösung ist. Hass und Wut kann sich einstellen, „man sollte es aber nicht offen zeigen, weil es unwürdig ist, weil es hässlich und unfrei macht.“

Welches Gefühl hilft gegen die AfD?

Verachtung und Herablassung im Kampf gegen die AfD ist kontraproduktiv. 
Die Autoren analysieren dazu verschiedene Emotionen: 
Sie fordern mehr Liebe, die stärker ist als Hass. Das schließt scharfe Kritik nicht aus, bedeutet aber eben kein Wettrüsten der bösen Gefühle. Wichtig ist eine Idee, wie wieder Zutrauen aufkommt und kein Überbietungswettbewerb beim Aufzeigen einer düsteren Zukunft. 
Fataslismus“ bedeutet, dass man die AfD mal regieren lässt. Laut Umfragen scheint es in Sachsen-Anhalt nur noch wenige Möglichkeiten geben, die AfD zu umgehen. In einer geheimen Wahl könnte AfD-Kandidat Siegmund die Stimmen bekommen, wenn er als Regierungschef ohne Mehrheit dastehen würde. Der Westen könnte bei dieser „Exotisierung“ zuschauen, aber sollte Ostdeutschland wirklich ein Labor für volkspädagogische Experimente sein?

Mäßigung durch Macht

Umstritten ist, ob sich Rechtspopulisten an der Macht selbst entzaubern. In Frankreich und Italien treten rechte Parteien gemäßigter auf, andere haben sich radikalisiert, so die österreichischen Rechtspopulisten und Donald Trump in den USA. Er zeigt auch wie gefährlich regierende Rechtspopulisten sind: Das Versprechen eines mächtigen Nationalstaats führt zu brachialer Symbolpolitik mit verheerenden Folgen. In Sachsen-Anhalt hätte die AfD die Kontrolle über die Polizei, das Bildungswesen und die Landesverwaltung.

Mobilisierung

Bisher wurde als Strategie vor allem die Mobilisierung „Wir gegen die“ erprobt. Diese Strategie hat zwei Kollateralschäden: Man redet ständig über Isolierung und die permanente Betonung hat keine langfristig abschreckende Wirkung. Auch die Strategie von Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, in jedes Dort zu fahren, blieb ohne Erfolg: Wenn man dauernd gefragt wird, womit man unzufrieden ist, fällt einem immer mehr ein.

Asymmetrische Demobilisierung 

Angela Merkel wurde vorgeworfen, Geburtshelfer der AfD gewesen zu sein, aber die Strategie von Friedrich Merz als Kanzler des offenen Wortes kommt auch nicht gut an. Taugt als eine emotionale Politisierung auch nicht, um den Rechtspopulismus einzudämmen? Merkels Strategie der asymmetrische Demobilisierung funktioniert in Schleswig-Holstein einigermaßen. 

Die Rolle der Medien 

Der Glaube, dass man die AfD bekämpfen muss, ist auch unter Journalisten weit verbreitet. Dieser Journalismus erweckt den Eindruck, dass Zuschauer nachgeschult werden müssten. Ihm fehlt ein genuines Element des Journalismus: die Neugierde. Rechte Meiden bieten der AfD eine Bühne und prägen die Debatten bereits. 

Was man lassen und machen sollte 

Für die Autoren ergeben sich daraus sieben Dinge, die man in Zukunft lassen sollte: Verachtung, Exotisierung, Klassismus, Verzweiflung, Verbotsdiskussionen, schnöder Materialismus, antifaschistisches Pathos. Sie fordern stattdessen vier Dinge: Heiterkeit, Liebe, Lösungen – und die Brandmauer. Und schließlich eine Lehre: Der Kampf gegen die AfD kann nicht im Kampf gegen die AfD gewonnen werden, aber verloren.

Dienstag, 26. Mai 2026

Selbstmord einer Supermacht?

In diesem Beitrag stelle ich zwei Autoren vor, die den USA durch den Iran-Krieg "strategischen Selbstmord" attestieren. 

Eine Art Suizid 

Jörg Lau argumentiert in der ZEIT, dass Trump mit seinem Krieg im Iran die USA geschwächt und die globale Abschreckung beschädigt hat. Die Kosten sind enorm und die Straße von Kormus wird zur geoökonomischen Waffe. Nach dem Rückzug aus Europa und Asien müssen sich die Alliierten neu sortieren. 

Die USA sind geschwächt 

Beim Treffen von Donald Trump mit Chinas Staatschef Xi schien sich der Satz des antiken Historikers Thukydides zu bestätigen: Die Starken tun, was sie wollen, die Schwachen erdulden, was sie müssen. Zumindest auf die USA trifft dies nicht zu. Donald Trump hat sich durch seinen unüberlegten Krieg in eine Position der Schwäche manövriert. Auch mit Unterstützung von Israel konnten er das Regime im Iran nicht stürzen – im Gegenteil sind deren Karten nicht schlecht. 

Die Glaubwürdigkeit amerikanischer Abschreckung ist weltweit ramponiert

Die Abschreckung ist ramponiert, denn die USA konnte ihre Verbündeten nicht schützen. Die Amerikaner haben Tausende Marschflugkörper und Flugabwehrraketen verschossen. Waffen, die die Ukraine dringend bräuchte. Die europäischen Verbündeten sehen, dass auf die USA kein Verlass ist. Sie müssen ihre eigene Verteidigung planen und sich an die postamerikanische globale Ordnung anpassen. 

Trump betreibt Supermacht-Suizid 

Trump betreibt keine Großmachtpolitik, sondern Supermacht-Suizid. Die Chinesen sehen, dass die Amerikaner Taiwan nicht verteidigen können, wenn sie nicht mit dem Iran fertig werden. Verfestigt sich das Bild amerikanischer Schwäche, könnte Xi Jinping daraus gefährliche Schlüsse ziehen.
Auch die wirtschaftlichen Kosten sind hoch, die US-Notenbank schätzt mindestens 200 Milliarden Dollar. Trump plant eine gigantische Nachrüstung. Die Straße von Hormus ist zur geoökonomischen Waffe geworden. Sie ist fast noch besser als die Atombombe, das sie gegen die ganze Welt kostengünstig einzusetzen ist. 

Schadenfreude ist fehl am Platz 

Die Genugtuung und Schadenfreude sind fehl am Platz: Von den mutigen Menschen im Iran ist kaum mehr die Rede, sie aber sind die eigentlichen Opfer des iranischen Verbrecherregimes. Sie bleiben einem Verbrecherregime ausgeliefert, an dessen Grausamkeit kein Zweifel besteht. Sie dürfen nicht die Opfer gescheiterter Großmachtpolitik werden. Ihr Schicksal sollte im Zentrum jeder Verhandlung stehen.

Selbstmord einer Supermacht 

In einem Gastbeitrag in der Süddeutschen Zeitung kommt Timothy Snyder zu einer ähnlichen Analyse. Nach seiner Ansicht hat noch nie hat ein Staat absichtlich und systematisch seine eigene Macht zerstört wie die USA. 

Strategischer Suizid 

Eine Supermacht muss ein moderner Staat sein und darauf zielen, sich selbst zu erhalten. Die USA unter Trump hingegen ist eine Geschäftschance für wenige Auserwählte. Er strebt nach dauerhafter Macht, in dem er das Vertrauen in Wahlen untergräbt. Folge könnte ein von Tech-Oligarchen unterstützter JD Vance als kapitalistisches Politikbüro sein – und damit das Ende der amerikanischen Republik. Die Trump-Regierung hat den öffentlichen Dienst ausgehöhlt und die Führungsspitzen des Militärs ausgetauscht. Statt nach Leistungsprozess setzt er auf loyale aber meistens unqualifizierte Leute. Für Snyder ein Indiz, dass hier eine Supermacht Selbstmord begeht. 

Keine Wertschätzung für Bildung und Wissenschaft 

Eine Supermacht muss über ein Bildungssystem verfügen, das sich globalen Herausforderungen stellen kann. Ebenso benötigt es eine Wertschätzung für die Wissenschaft. Trump kürzte die Mittel für Bildung und bekämpft die Wissenschaft: Er hält Forschungsgelder aus politischen Gründen zurück und bezweifelt wissenschaftliche Erkenntnisse wie den von Menschen verursachten Klimawandel. Er stoppte die Energiewende und subventioniert überholte fossile Brennstoffe. Hauptkonkurrent China kommt dadurch in eine noch stärkere Position. 

Militärische Macht wird abnehmen 

Bei der militärischen Macht setzt Trump auf Ausrüstung der Vergangenheit, z.B. eine nach ihm benannte neue Klasse von Schlachtschiffen. Sie sind für die moderne Kriegsführung ungeeignet, wie der Hightech-Krieg zwischen Russland und der Ukraine zeigt. Synder kritisiert auch Trumps Diplomatie. Er beschimpft seine Verbündeten und kriecht vor Putin. Er hat kein Verständnis für nationale Interessen und ignoriert die Werte des internationalen Systems, das die Führungsrolle der USA untermauerte. „Es lässt sich kaum beschreiben, wie primitiv Trumps Herangehensweise ist und wie viel Freude sie den Feinden der USA bereitet.“

Iran-Krieg als strategische Niederlage 

Den Krieg im Iran bezeichnet Snyder als strategische Niederlage. Die USA hat keines ihrer Ziele erreicht – falls sie überhaupt welche hatte: Das angereicherte Uran ist in den Händen eines noch radikaleren Regimes, das mit der Straße von Hormus über eine neue Quelle wirtschaftlicher Macht verfügt. Die Regierung feiert Niederlagen wie sie für untergehende Staaten charakteristisch ist. Die blasphemischen Vergleiche von Trump und Hegseth zeigen, dass hier eine Niederlage in der realen Welt in einen Sieg in der imaginären Welt verwandelt werden sollen. 

Die USA können sich Macht nicht mehr leisten 

Ein weiteres Indiz für Machtverlust war in der Vergangenheit, dass es sich die Staaten ihre Macht nicht mehr leisten können. Ist ein Defizit bei Herausforderungen vertretbar, nutzt es die Trump-Regierung um die Besteuerung wohlhabender Unternehmen und Personen zu vermeiden. Der Ansatz die Regierung als Dienstleister für Superreiche zu betrachten ist unvereinbar mit dem Gewinnen von Kriegen und der Aufrechterhaltung der sozialen Dienste. 

Mehr Macht für Menschen für eine gerechtere Zukunft 

Die demokratischen Verzerrungen und Ungleichheiten haben die Selbstzerstörung erst möglich gemacht. Eine Rückkehr zum früheren Status quo hält Snyder nicht mehr für möglich und fordert mehr Macht für die Menschen, um eine gerechtere Zukunft zu schaffen.

Mittwoch, 6. Mai 2026

Herfried Münkler: Die Wiederkehr der Imperien

In einem Vortrag bei VHS Wissen live berichtete der Historiker Herfried Münkler über die Wiederkehr der Imperien. In seinem Buch „Welt in Aufruhr“ hat er seine Thesen zur Wiederkehr der Imperien aufgezeigt. 

Souveräne Staaten 

Staaten sind souverän – sie können über ihre eigenen Belange bestimmen. Nach der Westfälischen Ordnung sind alle Staaten gleichberechtigt. Die Souveränität kann aber nicht von allen gleich umgesetzt werden. Führen Staaten gegeneinander Kriege zeichnen sich diese durch größere Intensität aus, Ziel ist die große Entscheidungsschlacht. 

Historische Imperien 

Imperien haben das Sagen, die Staaten stehen darunter. Ein aktuelles Beispiel ist, dass die USA den Präsidenten von Venezuela gekidnappt haben. In der Geschichte haben Imperien in Friedenszeiten oft die Friedensordnung sichergestellt, so die Römer. Der Frieden gilt aber nur für die Innenräume. An den Außengrenzen gab es häufig asymmetrische Kriege. 
Die Imperien wurden oft am Fluss, später an Binnenmeeren gebildet, so das Osmanische Reich am Schwarzen Meer, Schweden um die Ostsee oder das britische Empire mit den Ozeanen. Imperiale Macht war oft mit technologischem Fortschritt verbunden – andere konnten nicht mithalten. 

Vermeintliches Ende der Imperien 

In den 70er Jahren war mit Portugal die letzte europäische Kolonialmacht zu Ende gegangen. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion propagierten viele das Ende des imperialen Zeitalters. In den postimperialen Räumen kam es oft zu Konflikten, wie in den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion, Jugoslawien, der Sowjetunion oder dem Nahen Osten. Münkler nennt es Phantomschmerz: Akteure träumen davon, etwas wieder herzustellen, was man mal war. 

Imperien der Gegenwart 

Russland versucht mit militärischer Macht wieder ein Imperium zu errichten. Militärische Macht allein ist aber nicht ausreichend. China baut sein Imperium über Infrastrukturprojekte auf. Die Länder, die an der Neuen Seidenstraße von Chinas Infrastruktur profitieren, müssen diese abzahlen. Sie zahlen keine hohen Zinsen, müssen aber den Anweisungen folgen – es ist also eine Mischung aus ökonomischer Macht und geregelter Softpower. Die USA hat sich in den letzten Jahren als Hüter der globalen Ordnung zurückgezogen – und träumen davon, Amerika wieder groß zu machen. Der Aufstieg von Trump begann mit dem Versprechen, sich aus der Weltpolitik zurückzuziehen und sich um sich zu kümmern. 

Gefahren für Imperien 

Imperien gingen durch Überdehnung zu Ende. Das bedeutet, dass ein Imperium die Grenzen so weit vorgeschoben hat, dass die Räume nicht mehr geschützt werden konnten. Die Bevölkerung hat keine Interesse Kosten zu tragen, weil Ressourcen nicht mehr groß genug sind. Eine weitere Gefahr ist imperialer Übermut, wenn sich Imperien zu viele Dinge zutrauen, oder weil die andere Seite nicht klein beigibt. Kluge Imperatoren haben Grenze erkannt, so das Römische Reich bei den Germanen. 

Wie kann eine stabile Ordnung entstehen?

In der Vergangenheit gab es oft stabile Ordnungen. Nach dem zweiten Weltkrieg waren dies zunächst die USA, Großbritannien und die Sowjetunion. Zuerst schied Großbritannien aus, es entstand eine bipolare Welt. Mit dem Ende des Kalten Krieges endete die Sowjetunion. Der Versuch, die Idee durch die Gemeinschaft unabhängiger Staaten weiterzuführen ging ebenso schief wie der Commonwealth. 

Multipolare Weltordnung mit fünf Akteuren

Münkler hat in seinem zentralen Werk die Idee einer multipolaren Weltordnung entwickelt, das von fünf Großmächten gesteuert wird. Neben USA, China und Russland sieht er hier Indien und die EU als weitere Akteure. Allerdings müsste sich die EU reformieren und unter anderem das Prinzip der Einstimmigkeit verändern. Auch in der EU gibt es eine Hierarchisierung. In der Außenpolitik sind derzeit Frankreich, Deutschland, Italien, Polen und Großbritannien als ehemaliges Mitglied bestimmend. 

Fragerunde 

In der Fragerunde ging Münkler auf weitere Themen ein:

Tech-Milliardäre 

Die Tech-Milliardäre leben unter politischen Imperien, verfügen aber über eine enorme Macht. Ihr Reichtum wie z.B. Elon Musk basiert auch auf Staatsaufträgen. 

Bedeutung wirtschaftlicher Macht 

Wirtschaftliche Macht hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Die Zeiten ungehinderter Globalisierung sind vorbei. Bereits Biden betreib eine protektionistische Politik Trump hat dies fortgeführt. Auch China setzt mit seltenen Erden auf Einschränkungen, Russland setzt auf Erdgas und Erdöl. 

Könnten neue Imperien entstehen?

Wenn sich die Araber einigen würden, könnten sie gemeinsam eine bedeutende Macht werden. Südamerika ist zu sehr gespalten, ein Auftreten als Block ist eher nicht zu erwarten. Sie könnten aber ein Bündnispartner werden. Indien hat ebenso Chancen, sie sind allerdings erst durch die britische Kolonialzeit Nationalstaat geworden. 

Sind "demokratische" Imperien denkbar?

Putin in Russland und Xi in China haben alle Konkurrenten ausgeschaltet und autoritäre Strukturen aufgebaut. Trump würde gerne auch solche Strukturen aufbauen, sein Ballsaal und die geplante Siegessäule zeigen dies symbolisch. Durch geschickte Politik könnte sich Europa als demokratischer Rechtsstaat auf Augenhöhe behaupten. 

Internationale Zusammenarbeit 

Skeptisch äußerte sich Münkler bei der Frage, ob die Vereinten Nationen reanimiert werden könnte. Der Sicherheitsrat ist blockiert, der Generalsekretär und die Generalversammlung haben keine Macht. Auch die Organisation für Zusammenarbeit in Europa hat keine Macht Verstöße zu ahnden. 

Dienstag, 21. April 2026

Iran-Krieg: Alle sind Gefangene

In einem Gastbeitrag in der Süddeutschen Zeitung beschreibt Natalie Amiri die Situation im Iran-Krieg als fast ausweglos: Alle sind Gefangene

Gefangen in einem selbst kreierten Dilemma 

Amiri sieht die Chancen auf Kompromisse bei den Verhandlungen skeptisch: Iran und USA präsentieren sich als Sieger und gehen mit Maximalforderungen in die Gespräche. Ein Ende der Kämpfe wäre noch die beste Situation. Dem iranischen Regime könnte ein Abkommen das Überleben sichern, denn eine weitere Zerstörung wäre katastrophal für das Land. Die USA träumt vom Zustand davor, als es ein Atomabkommen gab. Die Straße von Hormus war frei und die Welt konnte mit Rohstoffen versorgt werden. Dafür hätte es keine Bomber gebraucht, also fordert Trump immer mehr, was Iran seinerseits mit neuen Forderungen kontert. Die Akteure sind also gefangen in ihren selbst kreierten Dilemmata. Bei Zugeständnissen droht ein Gesichtsverlust – für alle, je nach Ausgang.

Droht eine weitere Eskalation?

Bei einer weiteren Eskalation könnte Trump seiner Rhetorik Taten folgen lassen. Ein Szenario, das Israels Premier Netanjahu ohnehin passen wird, der den Krieg als Teil eines langen Feldzugs sieht, an dessen Ende der Sturz des Mullah-Regimes stehen soll. 
Auch Teheran steckt in einem Dilemma, aggressive Anhänger verteufeln jeden Kompromiss und könnten den Verhandlern das Leben schwer machen. Zu diesen Hardlinern gehören zwar nur rund 20 Prozent, sie haben aber im Inneren noch genug Macht. Ihre Anhänger kontrollieren den öffentlichen Raum und schüchtern die Bevölkerung ein. 

Kontrolle und Propaganda 

Amiri berichtet von Kontakten, die von Kontrollpunkten und massiver Propaganda berichten. "Botschaften werden laut und schrill durch die Straßen tragen. Das wiederholt sich jede Nacht.“ Seit einigen Wochen leben die Iraner in einem Kommunikations- und Informationsblackout. Auf ausgedrucktem Papier oder auf CDs kritisieren Iraner die Situation. Nicht Drogen oder Waffen sind strikt verboten, sondern Likes, Kommentare und Software-Updates. 

Massive wirtschaftliche Folgen 

Zu spüren sind bereits die wirtschaftlichen Folgen des Krieges. Bereits in den letzten Jahren gehörte Inflation zum „Grundrauschen der immerwährenden Krise.“ Durch die Zerstörung von mehr als 5000 Fabriken haben Millionen Menschen ihre Arbeit verloren. Durch die Sperrung des Internets ist auch der zuletzt gewachsene Digitalsektor betroffen. Das ganze Finanzsystem steht kurz vor dem Zusammenbruch. Die Menschen sind orientierungslos und können sich fast nichts mehr leisten. 

Ego des Regimes ist gestiegen 

Obwohl der Krieg Irans Fähigkeiten in allen Bereichen geschwächt hat, ist das Ego des Regimes noch größer geworden, schließlich existiert es noch. Gibt es ein Abkommen, kann sich das Regime halten und die Bevölkerung weiter durch die Hölle gehen. Ohne Abkommen wird das Land weiter zerstört, leiden wird auch hier die Bevölkerung. 

Der Westen interessiert sich für Spritpreise 

Bitter beschwert sich die Autorin, dass sich der Westen vor allem um Spritpreise kümmert. Vergessen ist, dass das Regime im Januar Zehntausende niedermetzelte und weiterhin Menschen willkürlich hinrichtet. Geblendet von der verständlichen Aversion gegen Trump und der der vermeintlich strategische klugen Iraner vergessen manche die Verbrechen des Regimes. Die Idee eines Regierungswechsels mit positiven Auswirkungen ist gescheitert – auch deshalb feiert sich das Regime in Teheran. 

Mittwoch, 8. April 2026

Die Apokalypse blieb aus – ist das iranische Regime der Gewinner?

In den letzten Tagen hatte Trump mit selbst für seine Verhältnisse heftigen Ausdrücken Iran mit der totalen Zerstörung gedroht, sollten sie nicht die Straße von Hormus öffnen. In letzter Minute gelang es, einen Waffenstillstand zu vereinbaren. Die meisten Beobachter sehen aber eher den Iran als Sieger. 

5 Erkenntnisse aus der Nacht, in der die Apokalypse ausblieb

Im Focus schreiben Florian Festl und Sebastian Scheffel über die Erkenntnisse. 

1. Das iranische Regime ist der Gewinner dieser Nacht

Das Mullah-System ist immer noch handlungsfähig. Die Machthaber feiern sich nach Ausrufung der Waffenruhe für weitreichende Erfolge und einen dubiosen Zehn-Punkte-Deal. Nach Wochen unter Dauerfeuer haben die Revolutionswächter nun Zeit, sich neu zu sortieren. 

2. Trumps Kriegsziel ist mehr denn je ein Rätsel

Vor dem Krieg versprach er der Bevölkerung Hilfe, jetzt wollte er Iran in die Steinzeit bomben. Auch nach einem Monat kann Trump nicht sagen, was seine Ziele sind, die jetzt angeblich erfüllt sind. 

3. Die USA und Israel haben sich in wichtiger Frage entzweit

Israels Ministerpräsident Netanjahu bombt weiter gegen die im Libanon agierende Hisbollah und auch für seinen Iran-Feldzug hat er Unterstützung. Trump schadet der Angriff innenpolitisch, die Partner sind und bleiben uneins.

4. Märkte vor Menschen: Trump ist politischer Daytrader

Nach Trumps Ankündigung steigen die Börsen stiegen und der Ölpreis sank – offensichtlich das wichtigste Ziel von Trump. Er kann Verhandlung, aber nicht Diplomatie und Strategie. So ist keine seiner Lösungen von Dauer. Unklar ist auch, wie es weitergeht, die nächste Eskalation ist zu befürchten. 

5. Der Öl-Handel wird wahrscheinlich nie wieder wie früher

Die USA lassen sich auf den Deal ein, um die Blockade zu beenden. Iran darf zukünftig Gebühren verlangen und verdient Geld, um die Kriegskasse zu füllen. Freie Schifffahrt wie früher wird es nicht geben, der Handel der Zukunft wird ein anderer sein. 
Damit bleibt die Erkenntnis: Eine Blockade zahlt sich aus. Andere Staaten wie China werden das aufmerksam registrieren - Nachahmung nicht ausgeschlossen.

Waffenruhe in Nahost: Ein Krieg, der für Trump nicht zu gewinnen ist

Mathieu von Rohr zieht im SPIEGEL ein ähnliches Fazit: für den US-Präsident ist das vorläufige Ergebnis seines Feldzugs eine strategische Niederlage.

Ernüchternde Bilanz 

Für die von Trump verkündete Waffenruhe musste Iran nur ein Preis bezahlen: Die Öffnung der Straße von Hormus, die vor dem Krieg eine international frei befahrene Seeroute war. Sie bleibt unter iranischer Kontrolle, der gemeinsam mit dem benachbarten Oman Geld für die Durchfahrt kassieren dürfte. Noch ist vieles unklar, beide Seiten verkaufen den Deals als Sieg, aber zahlreiche Kriegsziele wurden verfehlt: Das Nuklearprogramm existiert weiter, das Regime ist an der Macht und auch die Terrorgruppen wirken intakt. 

Der Krieg war von Anfang an strategisch nicht durchdacht.

Irans Zehnpunkteplan als Grundlage für die Verhandlungen lesen sich wie eine Aufforderung zur Kapitalisation. Auch wenn Trump nicht alles akzeptieren wird, kann sich der Iran zurecht als Sieger fühlen. Mit den wahnwitzigen Drohungen hat Trump nicht nur seine Macht, sondern auch seine Grenzen definiert. Manche sehen bereits Ähnlichkeiten zu 1956, als Großbritannien und Frankreich ihre Intervention am Suez-Kanal abbrechen mussten. 

Wirtschaftliche Folgen entscheidend 

Es war wohl der Ölpreis, der Trump zum Einlenken brachte. Die Energiekrise erzeugte Druck, dem Trump nicht standhalten konnte:  Ein Präsident, der Amerika mit dem Versprechen billiger Energie regieren wollte, hatte sich in einem Wahljahr noch unpopulärer gemacht, als er es ohnehin schon war.

Iran sitzt am längeren Hebel 

Es bleiben nun zwei Wochen, um in Pakistan zu einer Abschlussvereinbarung zu kommen. Teheran sitzt dabei am längeren Hebel und hat gelernt: Amerika weicht bei genügend Druck zurück – und man kann die Weltwirtschaft als Geisel nehmen. Der Autor ist skeptisch, ob eine tragfähige Lösung zustande kommt: Wahrscheinlicher ist: Die Region bleibt instabil und der nächste Konflikt kommt.

Samstag, 4. April 2026

Kaum noch Unterstützung für Entwicklungshilfe

In einem Artikel und einem Kommentar beklagen Michael Bauchmüller und Joachim Käppner die geringer werdende Entwicklungshilfe.

Wie viel weniger Geld Deutschland ausgibt

Michael Bauchmüller zeigt in seinem Artikel auf, wie die Entwicklungshilfe gesunken ist. 

Deutschland kam nur selten Verpflichtungen nach 

Die Vereinten Nationen haben 1970 beschlossen, dass reiche Länder mindestens 0,7 % ihrer gesamtwirtschaftlichen Leistung in die Entwicklungshilfe stecken sollen. Deutschland erfüllte nur in den Jahren 2020 bis 2023 diese Quote. 2024 kamen nur noch Norwegen, Luxemburg, Schweden und Dänemark ihrer Verpflichtung nach. 

Beiträge sinken weiter

Die aktuelle Bundesregierung hat „aufgrund der Notwendigkeit, den Haushalt zu konsolidieren“ eine weitere Senkung beschlossen – es werden nur noch rund zehn Milliarden und damit 0,44 Prozent des BIP, weitere Senkungen sollen folgen. Für die Jahre bis 2029 weist die Planung noch jährlich gut neun Milliarden Euro aus.
Kurioserweise fließt immer mehr Geld nach Deutschland – rund ein Drittel etwas zur Unterbringung von Flüchtlingen oder der Unterstützung von Studierenden aus Entwicklungsländern. Aus dem reduzierten Budget fließt immer mehr Geld in Projekte in Deutschland. Auch andere Länder reduzieren deutlich: An die ärmsten Länder der Welt fließen den Venro-Zahlen zufolge nur 0,08 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Leistung.

Das kann sich noch rächen

Joachim Käppner befürchtet in seinem Kommentar, dass sich diese Reduzierung für Deutschland noch rächen kann. 

Fluchtursachen bekämpfen 

In keiner Sonntagrede fehlt der Hinweis, dass die Fluchtursachen bekämpft werden müssen. Der Marshallplan nach dem 2. Weltkrieg zeigte, wie es funktionieren kann. Er schuf erst die Voraussetzung dafür, dass Europa aus den Trümmern auferstand und statt neuer Kriege und Feindschaften eine Sphäre des Friedens und Wohlstands entstand.

Es droht ein Bedeutungsverlust

Deutschlands Entwicklungshilfe sinkt sogar. Entwicklungshilfe löst nicht alle Probleme der Welt, aber sie bewahrt viele Menschen vor Hunger, sichert Jobs, schafft Voraussetzungen für nachhaltige Entwicklung. Es droht ein Bedeutungsverlust, auch im Vergleich zu Staaten wie China. Die Versäumnisse von heute werden sich morgen rächen.

Samstag, 14. März 2026

Merz gehört an die Seite des Völkerrechts

Wolfgang Janisch fordert in der Süddeutschen Zeitung: "Merz gehört an die Seite des Völkerrechts". 

Völkerrecht wird zur Fußnote 

Das Völkerrecht ist zur Fußnote verkommen, das Maß aller Dinge ist das Eigeninteresse der Großmächte. Nachdem Merz bei den Angriffen auf den Iran im letzten Jahr von der Übernahme der Drecksarbeit gesprochen hat, sieht er nun zumindest „erhebliche völkerrechtliche Fragen“ 

Eine latente Bedrohung rechtfertigt einen solchen Angriff nicht

Völkerrechtlich ist die Sache eindeutig: Solche militärischen Angriffe verletzen das Gewaltverbot, es sei denn, die Angreifer könnten sich auf das Selbstverteidigungsrecht der UN-Charta berufen. Eine latente Bedrohung durch ein Atomwaffenprogramm reicht nicht aus – schon gar nicht, wenn laufende Verhandlungen eine unblutige Option bieten, das Risiko einzudämmen. Es bleibt ein Dilemma und die Frage, ob Israel nicht das Recht hat zuzuschlagen, bevor es selbst getroffen wird. 

Das Völkerrecht lebt davon, dass sich die Länder daran halten 

Das Völkerrecht und dem in der UN-Charta verankerten Gewaltverbot waren Antworten auf die imperiale Welt. Frieden durch Recht lautete die Idee. Das Völkerrecht lebt davon, dass sich die Staaten daran halten. Auch die Zuständigkeit internationaler Gerichtshöfe ist begrenzt. Die Frage ist, ob das Völkerrecht noch die passende Antwort für diese Konflikte gibt. 

Regeln des Völkerrechts erodieren 

Putin rechtfertigte seinen Angriff mit dem drohenden Genozid an der russischen Minderheit. Dies war blanke Propaganda, beim Iran ist die Gefahr und die Menschenrechtsverletzungen real. Aber auch eine halbe Rechtfertigung ist zu wenig: Wenn die Regeln des Völkerrechts erodieren, verflüchtigt sich das internationale Recht. 
Deshalb kommt es auf Länder wie Deutschland an: Sie müssen die Regeln verteidigen, sonst bleibt nichts mehr davon übrig. Friedrich Merz darf nicht einmal Zustimmung andeuten: Niemand verlangt, die Bundesregierung solle sich an die Seite Irans stellen. Aber an der Seite des Rechts sollte sie schon stehen.

Mittwoch, 11. März 2026

Was bedeutet Völkerrecht?

Nach den amerikanischen Angriffen auf Venezuela und den Iran wird aktuell über die Bedeutung des Völkerrechts diskutiert. Auch in meinem Seminar „Das Recht des Stärkeren“ geht es um dieses Thema. 
In einem Video werden die wichtigsten Aspekte des Völkerrechts vorgestellt. 


 

Völkerrecht regelt das Verhalten von Staaten  

Das Völkerrecht regelt das Verhalten von Staaten untereinander. Neben völkerrechtlichen Verträgen gilt das „Völkergewohnheitsrecht“ sowie Entscheidungen des UN-Sicherheitsrates und des Internationalen Gerichtshofs. Das Völkerrecht umfasst Bereiche wie die Menschenrechte, das humanitäre Völkerrecht und Spezialgebiete wie das See- oder Umweltrecht. 

Die Krise des Völkerrechts 

Erläutert werden auch die zahlreichen Probleme. Während das nationale Recht durch Parlamente und die ausführende Gewalt umgesetzt werden können, gibt es im internationalen Recht kein Weltparlament und keine Weltpolizei. Wenn sich dann die mächtigsten Staaten nicht an das Recht halten und der UN-Sicherheitsrat blockiert ist, fühlen sich auch viele kleinere Staaten nicht mehr an das Recht gebunden. 

Dienstag, 10. März 2026

Angriff auf den Iran – bitter nötig oder willkürlich und gefährlich?

In der ZEIT werden zwei Artikel zum Angriff der USA und Israel gegenüber. Während Jan Roß den Krieg als bitter, aber nötig bezeichnet ihn Jörg Lau als willkürlich und gefährlich
 

Angriff auf den Iran: Dieser Krieg ist bitter, aber nötig

Jörg Roß betont in seinem Kommentar, dass kein denkender und fühlender Mensch einen Krieg unterstützt. Dennoch sieht er gute Gründe für einen Angriff auf den Iran. 

Iran als Gefahr für den Frieden 

Seit der Gründung lässt sich mit dem Iran nicht in Frieden leben: das Streben nach Atomwaffen, die Unterstützung von Terroristen in den Nachbarländern im Namen des Widerstands gegen Israel, das ganze Länder in chaotische, verelendete Kampfzonen verwandelt haben. Alle Akteure, die für Mäßigung eintreten, werden als Feind betrachtet. Der Angriff ist für den Autor deshalb der offene Ausbruch eines Kriegszustands, der faktisch seit Langem besteht.
Die Angriffe des Irans gegen die Nachbarn zeigen gerade das Risiko der Erpressbarkeit, für Roß ist deshalb klar, dass rationale Verständigungspolitik mit dem Iran nicht möglich ist. 

Trumps chaotische Politik ändern nichts an den Chancen des Konflikts 

Die Kritik an der Unklarheit der politischen Zielsetzung hält der Autor für ebenso berechtigt wie an Trumps Sprunghaftigkeit und seinem Mangel an strategischer Fähigkeit. Dennoch sieht er die Chancen des Krieges: Der Machtapparat ist fundamental erschüttert. Sein Ende könnte viele Menschen befreien und würde auch die zerstörerische Rolle des Irans beenden. Aber selbst wenn dies nicht gelangt: Die Transformation hat begonnen – der Stillstand des Regimes ist beendet und wird sich nicht wieder herstellen lassen.


Willkürlich und gefährlich 

Jörg Lau widerspricht in seinem Kommentar entschieden. Wenn er schon das Völkerrecht bricht, sollte Trump wenigstens sonst vernünftige Ziele haben. Doch es ist unklar, was er will. 

Angriff ist ein Bruch des Völkerrechts 

Offensichtlich ist Trumps Krieg ein Verstoß gegen das zwischenstaatliche Aggressionsverbot – und somit ein Bruch des Völkerrechts. Ohnehin kann man Trump nicht am internationalen Recht messen, denn er sagte ja selbst, dass er kein Völkerrecht brauche, sondern nur seine „eigene Moral". Er demonstriert seine Macht, in dem er die Herrscher von Venezuela und Iran aus dem Spiel genommen hat, auch in der Hoffnung auf lukrative Geschäfte. 

Wechselnde Begründungen 

Die wechselnden Begründunen zeigen, dass die US-Regierung selber nicht weiß, was sie will: Manchmal ist es die Beendigung des Atomprogramms, manchmal nennt er einen Wechsel des Regimes als Ziel. Marco Rubio nannte noch einen weiteren Grund: Israel war festentschlossen anzugriefen, also habe man eben mitgemacht. Damit scheint der die Verschwörungstheorie zu bestätigen, dass Netanjahu die USA in den Krieg getrieben hat. 

Der Krieg ist asymmetrisch, weil Trump viele Ziele hat, Teheran nur eins: überleben

Der Krieg ist asymmetrisch: Die USA und Israel brauchen einen baldiges Ende, die iranische Regierung profitiert von einem langen Kireg, da die militärischen und wirtschaftlichen Kosten Trump im Wahljahr gefährden können. Dies ist ein zentrales Dilemma: Wenn das Regime davonkommt, wäre dies ein Betrug an den mutigen Iranern, die auf die Straßen gegangen sind. Ihnen hatte Trump Hilfe versprochen, allerdings wird sich ein totalitäres Regime nicht allein aus der Luft beseitigen lassen. 

Samstag, 28. Februar 2026

Die Koalition verrät die Mieter

Michael Baumüller kritisiert in der Süddeutschen Zeitung die Reform des Heizungsgesetz der Regierung: Die Koalition verrät die Mieter - das wird vor allem der SPD schaden

Die fossile Lobby hat sich durchgesetzt 

Das von der Ampel-Regierung reformierte Gebäudesanierungsgesetz hätte es der deutschen Gas- und Heizölwirtschaft schwer gemacht: Schritt für Schritt wären die Heizkessel aus den Kellern verbannt, die Gasnetze überflüssig geworden. Nun wurde das Gesetz erfolgreich entkernt: Anstelle von Vorgaben soll eine Biotreppe kommen, mit der der Anteil grüner Heizstoffe, z.B. Biogas oder synthetischer Diesel, steigen soll. Die sind knapp und werden wohl deutlich teurer. 

Eigentümer werden umrüsten – Mieter müssen teure Brennstoffe zahlen 

Eigenheimbesitzer können weiterhin fleißig Wärmepumpen plus Solarzellen und Batteriespeicher installieren, denn die sind längst wirtschaftlich. Vermieter können den Heizkessel umtauschen – die teuren Brennstoffe müssen schließlich die Mieter zahlen. Die wiederum können sich der steigenden Heizkosten am ehesten erwehren, indem sie in Pullis und Wolldecken investieren. Das ist soziale Politik vom Feinsten. Die Gasnetze bleiben erhalten auf Kosten derer, die nicht auf Wärmepumpe oder Fernwärme zurückgreifen können. Auch das trifft die, die keine Wahl haben. Diese Einigung wird den Sozialdemokraten auf die Füße fallen und sie schaden nicht nu den Mietern, sondern dem ganzen Land. 

Klimaschutz ist der Koalition wichtig – vor den Kameras

Nach dem Abschied vom Verbrennerverbot wird die klimafreundliche Modernisierung erneut ausgebremst. Das Geschäftsmodell und die Abhängigkeit werden sich verlängert, denn wer 2030 eine Öl- oder Gasheizung einbaut, wird sie lange nutzen wollen. Das Fazit des Autors: Diese Regierung, der Eindruck verfestigt sich, verfolgt Klimaziele nur noch vor den Kameras. Hinter verschlossenen Türen sind sie Nebensache.


Mittwoch, 21. Januar 2026

Europa kann Donald Trump nicht die Stirn bieten

Jan Diesteldorff verweist in der Süddeutschen Zeitung darauf, dass Europa gar nicht in der Lage ist, Donald Trump die Stirn zu bieten

Wie immer Fassungslosigkeit, Krisensitzung und Drohung mit Vergeltung 

Die Europäer reagieren immer gleich auf die Drohungen von Trump: Fassungslosigkeit, hektische Telefonate und Krisensitzung und dann Verweise auf das Völkerrecht und die Drohung mit Vergeltung. Die Europäer haben es bereits beim unvorteilhaften Handelsdeal nicht geschafft, glaubwürdig zurückzuschlagen. Der US-Präsident wird sich dadurch nicht beeindrucken lassen, da die Europäer dazu nicht in der Lage sind. 

Europa erfüllt nicht die Voraussetzungen für einen Handelskonflikt 

Der Autor betont, dass die Europäer drei Voraussetzungen erfüllen müssten, um einen Handelskonflikt erfolgreich zu bestehen, die sie aber nicht erfüllen. Europa ist zwar ein wichtiger Markt für US-Konzerne und verfügt über Instrumente, die angedachten Zölle wären aber wohl zu gering, da die Abhängigkeit bei IT-Dienstleistungen und Energie zu groß ist. Ein wütender Trump könnte einfach den Stecker ziehen. In den Kategorien Einigkeit und Durchhaltevermögen schneiden die 27 EU-Länder ebenfalls schlecht ab. Trump-freundliche Regierungen wie Italien, Ungarn oder Polen werden die Eskalation nicht mittragen und auch Deutschland zögert. 

Europäer können Trump nicht die Strin bieten 

Für den Autor ist deshalb klar, dass die Europäer Trump nicht die Strin bieten kann: Trump hat schon viele rote Linien überschritten, ohne entsprechende Reaktion. Im Gegensatz zu China ist Europa zu einer großen Auseinandersetzung nicht in der Lage. 

Montag, 19. Januar 2026

Wie soll Europa auf Trumps Drohungen reagieren?

Die meisten Politiker und Journalisten reagierten empört auf Trumps Drohungen gegen die EU im Zusammenhang mit seiner Forderung, Grönland zu besitzen. In diesem Beitrag stelle ich zwei Beiträge vor.

Konflikt um Grönland: Es reicht!

Mark Schieritz fordert in der ZEIT, dass die Europäer geschossen auf Trumps Zollankündigungen reagieren muss. Er sieht eine Chance in der Großmäuligkeit des US-Präsidenten.

Ökonomische Kriegserklärung an die Europäer 

Es gibt keine sachlichen Gründe für Trumps Vorstoß. Wenn es um die Bedrohung durch Russland und China geht, könnten die Amerikaner jederzeit ihre Präsenz erweitern. Trump bestraft ausgerechnet die Staaten, die mit Soldaten auf eine mögliche Bedrohungslage reagiert haben. Trump hat sich in den Kopf gesetzt, die Insel zu annektieren, wie Putin die Ukraine besitzen will – mit dem Unterschied, dass Grönland zu Dänemark gehört, einem Mitgliedstaat von NATO und EU. 

Trump ist ein Großmaul 

Europa ist militärisch und ökonomisch von den USA abhängig. Die Ukraine wäre nicht zu erhalten und viele europäische Unternehmen würden den Wegfall des amerikanischen Absatzmarkts nicht verkraften. Dennoch sieht der Autor Hoffnung: Trump räumt seine Position, sobald er auf Widerstand stößt. Er hat den Zollstreit mit China beendet und nicht im Iran eingegriffen. Seine Stärke ist die Schwäche seines Gegenübers. Trump ist kein erfolgreicher Präsident und steht zuhause unter Druck. Er kann es sich nicht leisten einen Zollkrieg anzufangen, die Mehrheit lehnt die Annexion ab 

Die Kosten in die Höhe treiben 

Die Hoffnung, dass Trump Ruhe gibt, wenn man sich ihm nicht in den Weg stellt, hat nicht funktioniert. Der Autor fordert deshalb konsequente Gegenzölle und Maßnahmen gegen digitale Dienstleitungen wie die Angebote von Mark Zuckerberg, Elon Musk oder Jeff Besoz. Europa kann seine Abhängigkeit von den USA nicht überwinden, aber es kann die Kosten einer Annexion Grönlands so in die Höhe treiben, dass diese sich für Trump politisch nicht mehr rechnet. Dazu muss die EU aber geschlossen agieren. Ob dies gelingt, ist fraglich, so hat auch Jens Spahn bereits Verständnis für Trump geäußert. 

Es geht um alles 

Bei der Grönlandfrage geht es für die Europäer um alles. Wenn Trump tatsächlich dänisches Staatsgebiet unter seine Kontrolle bringen kann, ist das europäische Projekt zu Ende und der nächste Schlag nur eine Frage der Zeit. Der Autor betont: Irgendwann reicht es.

Nicht mit uns! 

Boris Hermann reagiert in der Süddeutschen Zeitung ähnlich. Nicht mit uns! Er zeigt auf, wie Europa auf Trumps neue Zoll-Drohungen antworten sollte. 

All die unterwürfigen Gesten haben zu nichts geführt

Es gibt gute Gründe, den US-Präsidenten nicht zu verprellen. Sie können ohne die Hilfe nicht die Ukrainer verteidigen und sind auch wirtschaftlich abhängig. Aber all die beschwichtigenden Worte, gequälten Nettigkeiten und unterwürfigen Gesten haben nichts gebracht. Wer sich von Trump erpressen lässt, bekommt nicht, was er will, sondern muss immer mehr geben. Andere, so die Harvard Universität oder die brasilianische Regierung, die ohne Furcht gekämpft haben, sind dagegen gut 

Lebensmittelpreise und Unbeliebtheit als Chance 

Der Autor sieht in zwei Faktoren eine Chance für die Europäer: Die Umfragen zeigen, dass der US-Präsident immer weiter absagt, auch die gewaltsame Eroberung von Grönland hat kaum Anhänger. Gleichzeitig sinken die Lebenspreise nicht – im Gegenteil. Die Zölle könnten diese noch weiter erhöhen. Bei den Wahlen im November könnte er verlieren, deshalb muss Europa jetzt gemeinsam standhaft bleiben.

Deutlicher Widerspruch von Nöten 

Trumps Drohungen funktionieren nur, solange Kräfte im In- und Ausland glauben, sich keinen Widerstand leisten zu können. Jetzt aber ist die Zeit, Donald Trump zu sagen: Nicht mit uns, wir spielen dein Spiel nicht mehr mit!

Donnerstag, 11. Dezember 2025

Die neue Sicherheitsstrategie der USA ist eine Kampfansage an Europa

Hubert Wetzel bezeichnet die Sicherheitsstrategie der Amerikaner in der Süddeutschen Zeitung als Kampfansage. Sie sehen sich nicht mehr an der Seite Europas, sondern sehen sich als Vermittler zwischen Russland und Europa. Das Papier fordert „patriotische“ Regierungen, um die drohende zivilisatorische Auslöschung durch Migration und Zensur zu verhindern. 

Zerwürfnis mit den Europäern

Normalerweise erregen Sicherheitsstrategie der amerikanischen Regierung kein großes Interesse – bei Trump und seiner sprunghaften und disruptiven Politik ist dies anders. Die Beziehungen zu vielen europäischen Staaten werden als schlecht beschrieben, da diese Russland als „existenzielle Bedrohung“ ansehen – im Gegensatz zur US-Regierung. Sie sieht sich als Vermittler, die unter „enormem diplomatischem Aufwand“ die Beziehungen zwischen Russland und den Europäern verwalten müsse. Die Europäer geben die Amerikaner auch die Schuld, dass der Krieg in der Ukraine noch nicht beendet ist. 

Eine Kampfansage für die Innenpolitik 

Auch an der Innenpolitik der Europäer kritisiert das Papier scharf. Durch Regulierungswahl, Migration und Zensur drohe die zivilisatorische Auslöschung und der Verlust nationalen Identitäten und ihr Selbstbewusstsein. Abschreiben wollen die Amerikaner Europa deshalb nicht, sie sollten aber geistige Erneuerung vorantreiben, optimistisch macht die Amerikaner der wachsende Einfluss patriotischer europäischer Partei. Während sich diese klingt es für diese massive Einmischung in die inneren Angelegenheiten zurecht wie eine Kampfansage. 

So sollte Europa auf die neue US-Sicherheitsstrategie reagieren

Nicolas Richter wirft in der Süddeutschen Zeitung den Europäern vor, selber Schuld an der Erpressbarkeit zu haben, weil sie trotz Warnungen zu wenig für die eigene Sicherheit getan haben. Sie müssen wohl die Provokationen hinnehmen, aber gleichzeitig endlich ein Konzept für gemeinsame Sicherheit entwickeln und sich selbst rüsten.

Schmeicheleien und vergoldete Geschenke

Auch Richter betont, dass die Amerikaner die Europäer nicht mehr als Verbündete sehen, sondern nur noch Verachtung übrig haben. Europa ist demnach zu offen für Migration, undemokratisch gegenüber rechten Parteien, stur und verblendet im Ukraine-Krieg. Die Europäer sind erpressbar, weil sie Amerika brauchen, Sie können zur Zeit nur mit Schmeicheleien und Geschenken reagieren, so z.B. das weite Entgegenkommen beim Zoll-Deal. 

Einmischung in innere Angelegenheiten zurückweisen

Gleichzeitig sollten die Europäer ihren Werten treu bleiben und die Einmischung in innere Angelegenheiten zurückweisen. Sie dürfen die Attacken auf ihre Demokratien nicht dulden und dürfen sich nicht von der EU abwenden - das würde es Washington und Moskau nur erleichtern, Europa aufzuspalten.

Konzept für gemeinsame Sicherheit ist notwendig 

Die Europäer müssen auf eigenen Beinen stehen – und deshalb aufrüsten. Notwendig ist ein gemeinsames Konzept, da der Blick auf die Gefahren ebenso unterschiedlich ist wie die Frage, wie die Rüstung finanziert werden soll. In keinem Fall dürfen die Europäer Trump aussitzen. Sonst werden sie zwischen den USA und Russland zerrieben - das wäre genau die „zivilisatorische Auslöschung“, die das Weiße Haus den Europäern voraussagt.